Freienfels, Bauch, Graf Keyserling, Ed. Spranger und anderehaben sich mit unserm Problem zum Teil sehr ausgiebig befaßt;
2. Die Geschichtswissenschaft kennt keinen namhaften Vertreter, der nicht Cha-rakteristiken von Völkern in seine Darstellungen eingeflochten hätte. MancheGeschichtswerke sind völlig auf dem Gedanken einer vergleichenden Völkerkundeaufgebaut, in neuerer Zeit nach dem Muster des grundlegenden Werkes vonErnst Moritz Arndt , Versuch in vergleichender Völkergeschichte (1843).Auch Sonderstudien völkerpsychologischen Inhalts verdanken Historikern ihreEntstehung wie die Schriften von K. B r e y s i g, Von Gegenwart und von Zu-kunft des deutschen Menschen (1912) und Vom deutschen Geist und seinerWesensart (1932).
3. Die Jurisprudenz: Seit Bodinusund Montesquieu haben hervorragendeRechtshistoriker immer wieder versucht, die Verschiedenheit der Rechtsgestal-tung aus seelisch-geistigen Eigenarten der Völker abzuleiten, so daß es fast alseine Selbstverständlichkeit betrachtet wird, daß das germanische oder dasrömische oder das assyrische Recht ihre bestimmte Prägung deshalb haben, weil„die Germanen“, „die Römer“, „die Assyrer“ eigentümlich geartet waren. Welchesdiese Prägung war, haben dann die Juristen festgestellt.
4. Die Geographie ist in ihrer jüngsten Form als Anthropogeographie in ihrerganzen Forschungsrichtung auf unsere Probleme eingestellt. In letzter Zeit sindeine Reihe geographischer Werke erschienen, die sich ganz oder teilweise mitder Analyse völkischer Eigenarten beschäftigen. Ich denke an Bücher wie diefolgenden: K. Haushofer , Das japanische Reich (1921) (siehe daselbst Kap.6);JovarCvijic, La peninsule Balkanique (1918); E. 0 b e r h u m m e r, Die Bal-kanvölker (1917); S. Passarge , Grundzüge der gesetzmäßigen Charakterent-wicklung der Völker (1925); A. Rühl, Vom Wirtschaftsgeist im Orient (1925);derselbe, Vom Wirtschaftsgeist in Amerika (1927); derselbe, Die Wirt-schaftspsychologie des Spaniers in der Zeitschrift f. ges. Erdkunde (1922) u. a.
5. Die Sprachwissenschaft hat von jeher die Neigung gehabt, Spracheigentüm-lichkeit und Völkerart in eine innere Beziehung zu bringen. Im letzten Men-schenalter haben sich Versuche dieser Art gehäuft und haben in teilweise um-fangreichen Werken ihre Verkörperung gefunden, wie denjenigen vonF. N. F i n c k , Der deutsche Sprachbau als Ausdruck der deutschen Weltanschau-ung (1899); Ed. Wechsler, Esprit und Geist, Versuch einer Wesenskunde desDeutschen und des Franzosen (1927); Leo Weisgerber , Die Stellung derSprache im Aufbau der Gesamtkultur in „Wörter und Sachen“ XVI (1934), XVII(1935). Vgl. meinen Aufsatz: „Volk und Sprache“ in Schmollers Jahrbuch1939, in dem ich die einschlägige Literatur verarbeitet habe.
6. Die Rassonkunde hat es zwar nicht mit Völkern zu tun, verzichtet aberkeineswegs darauf, auch Völker in ihrer seelisch-geistigen Eigenart zu charak-terisieren.
7. Die Religionswissenschaft hat neuerdings vielfach die Zusammenhänge zwi-schen der Eigenart der Völker und der von diesen geschaffenen oder in ihnenentwickelten Religionen hervorgekehrt und ist durch diese Problemstellung ge-zwungen worden, völkerpsychologische Betrachtungen anzustellen. Wie sollteman Fragen, wie die nach der Bedeutung des jüdischen Ursprungs des Christen-tums oder des deutschen Wesens der Luther sehen Reformation beantworten