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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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können, ohne vorher festgestellt zu haben, welches denn die Eigenarten des jüdi-schen oder des deutschen Volkes sind?

8. Die Sozial Wissenschaften haben in manchem ihrer Vertreter häufig sich ander Charakteristik der Völker beteiligt. Lehrbücher wie die von W. Roscheroder G. Schmoller , Schriften wie die von Leroy-Beaulieu, RobertoMichels u. a. legen davon hinreichend Zeugnis ab. Ich selbst bekenne michschuldig, in zahlreichen meiner Werke inVölkerpsychologie dilettiert zu haben{freilich immer, außer in meinem Kriegsbuche, mit einem ziemlich lebendigenmethodologischen Bewußtsein und dementsprechenden schlechten Gewissen).

9. Und schließlich hat sich doch auch die Stammwissenschaft der Völkerkunde,die Ethnographie, keineswegs völlig der Völkercharakteristiken enthalten. Ar-beiten wie die von A.W.Nieuwenhuis , über die Veranlagung der malai-ischen Völker des ostindischen Archipels im Internat. Archiv für EthnographieXXIXXIII (191315) sind sehr interessant (während die umfangreiche Litera-tur über dieMentalitö des Primitives natürlich nicht hierher gehört).

Auch das schon genannte, gehaltvolle Werk von M. Wähler, Der deutscheVolkscharakter (1937), in dem die Studien zahlreicher Mitarbeiter über die Wesen-heit der deutschen Stämme zusammengefaßt sind und zu dem M. W ä h 1 e r alsHerausgeber eine bemerkenswerte Einleitung geschrieben hat, kann man alseine Erscheinung der ethnographischen oder völkerkundlichen Literatur anselien.Mit Entschiedenheit betont der Herausgeber (Seite 7), daß man in dem vorliegen-den Buche nicht wiebisher um Volks - K u 11 u r-Kunde (nach dem VorbildeI. Grimms), sondernVolks-Kunde (nach dem Vorbilde von Riehl) treibenwolle.

Den Hauptvorzug des Werkes erblicke ich in der Tatsache, daß es sich zumZiele steckt, nicht die Erforschung desDeutschen Menschen, sondern desStammes und seiner Angehörigen.

Neben dem Schrifttum der dilettierenden Gelehrten erscheinen alsdritte, ebenso beachtliche Gruppe völkerpsychologischen Schrifttums dieÄußerungen der dilettierenden Nicht-Wissenschaftler, aus denen wir sogarvielfach mehr lernen als aus den Schriften der Gelehrten.

Da kommt zunächst in Betracht

1. die gesamteschönwissenschaftliche Literatur, nament-lich Drama und Roman. Sie hat uns in allen Sprachen mit dem wertvollstenWissen über das Wesen der Völker beschenkt. Einzelne Werke herauszu-heben, hat angesichts der Fülle von Zeugnissen keinen Sinn. Ich werde iridem darstellenden Teile dieses Kapitels einige Proben dieses Schrifttumsmitteilen.

Zu ihm gehören auch die in neuester Zeit beliebt gewordenen biogra-phischen und erzählenden Werke allgemeinverständlichen Inhalts, denen dieSchwere und der Ernst der wissenschaftlichen Methodik fehlen, die aberdafür die Vorzüge der Lebendigkeit und Anschaulichkeit besitzen und diein ihren besten Vertretern zu dem wertvollsten Teile der modernen Literaturgehören.