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2. Einen breiten Raum nehmen häufig die völkerpsychologischen Betrach-tungen ein in denjenigen praktisch-politischen, zumal pole-mischen, also cum ira verfaßten Schriften, die sich mit den Bezie-hungen der Völker untereinander — innerhalb oder außerhalb einer Staats-grenze — befassen. Hierher gehört die gesamte nicht-wissenschaftlicheKriegsliteratur, gehört der größte Teil des philo- und antisemitischenSchrifttums, gehört die Minderheiten-Literatur u. ä.
Endlich dürfen wir nicht unberücksichtigt lassen
3. die Äußerungen des „Volksmundes“, der „Volksweis-h e i t“, wie sie in Sprichwörtern einerseits, in Spottversen, Witzeleien, Spitz-namen, mit denen ein Volk das andere bedenkt, andererseits zutage treten.
Hier können wir auch eine Ausdrucksform völkerpsychologischer Er-kenntnis unterbringen, die, wie wir sehen werden, in unserem Falle ganzbesondere Beachtung verdient: das einzelne b o n m o t und den unsystema-tischen After dinner speech geistvoller Menschen.
Ehe wir uns nun aber an ausgewählten Proben solcher Weisheit erfreuendürfen, obliegt mir wieder einmal die Erfüllung der langweiligen Aufgabe,Ordnung in den Wirrwarr der Meinungen zu bringen, der, wie sich bei somannigfaltigen Quellen leicht denken läßt, im Bereiche völkerpsychologischerErkenntnis herrscht. Ordnung schaffen ist ja das Amt der Wissenschaft, derdieses Buch nun einmal verschrieben ist.
II
Der Untersuchungsgegenstand, um dessen Prüfung es sich handelte, bildeteinen Teil der Kollektivpsychologie, die zum Unterschiede von derIndividualpsychologie (deren Gegenstand das Seelenleben der einzelnen ist)und der Sozialpsychologie (die die seelische Verbundenheit der einzelnenuntereinander untersucht) die seelisch-geistige Eigenart menschlicher Kol-lektiva zu ermitteln trachtet.
Die Kollektivpsychologie (unter der wir die Kollektiv-Noologie mitver-stehen wollen) erstreckt sich auf sämtliche Menschenkollektive, die wir aufder Erde vorfinden und die wir häufig wieder zu fiktiven Gebilden ab-strakter Natur zusammendenken. Wir sprechen von der Eigenart der Pariser.Bevölkerung, aber auch von der der Großstädter, von der der Zwickauer Wirkerzunft, aber auch von der psychischen Eigenart bestimmter Berufeder Fleischer oder der Schneider schlechthin, von dem deutschen Diplo-matenkorps zur Zeit Bismarcks, aber auch von der Besonderheit derDiplomatenkaste, sprechen von der seelisch-geistigen Eigenart der Dichterund der Professoren und der Bauern und der Landsknechte und der Jour-