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nalisten und wer weiß, von welcher Gruppe noch. Und so sprechen wirauch von der seelisch-geistigen Eigenart bestimmter Völker, der Deut-schen, Chinesen, Amerikaner und engen damit den Begriff der Kollektiv-Psychologie auf den der Völlcer-Psychologie ein.
Das Problem, das uns damit gestellt ist, hat also ein doppeltes Gesicht:es handelt sich einerseits darum, die Grundsätze einer fruchtbaren Kollektiv-psychologie überhaupt zu ermitteln und andererseits die Besonderheiten auf-zuweisen, die sich bei der Anwendung dieser kollektivpsychologischenProblematik auf die Völker ergeben.
Die Gedanken, die uns bei der Behandlung dieser Probleme leiten müssen,sind im wesentlichen folgende:
Unterscheiden müssen wir von vornherein und sehr scharf den Geisteines Kollektivs und dessen in seinen Mitgliedern sich darstellende Eigen-art.
Der Geist eines Kollektivs besteht selbständig neben und außerdiesem. Er wird gebildet durch die Ideale, die Leitideen, die Normen, dieMaximen, die Tradition, man kann auch sagen: das „Wertesystem“, denendas Kollektiv bewußt untersteht. So gibt es den Geist des FriederizianischenPreußens, den Geist des Sowjetstaates, den Geist des englischen Imperiums;den Geist eines Regiments, einer Schulanstalt, eines Klosters, einer Straf-kammer, einer Familie, eines Gesangvereins usw.
Dieser Geist hat zur Voraussetzung die geistige Einheit des Kollektivs,wie sie nur der Verband schafft.
Hat nun, so fragen wir, das Volk einen bestimmten Geist? Diese Fragehabe ich schon früher (siehe Seite 185) für das Staatsvolk, das einenpolitischen Verband bildet, bejaht: dieser (Staats-)Volksgeist stellt sich darin der nationalen Idee, die ganz offenbar in den verschiedenen Staaten einganz verschiedenes Gepräge trägt. Es gibt doch wohl einen recht beträcht-lichen Unterschied zwischen der englischen, französischen und deutschennationalen Idee, also wenn man das Staatsvolk als deren Träger geltenlassen will, eines bestimmten „Volksgeistes“. Dieser Volksgeist enthältmehr das „Aufgegebene“, man kann deshalb auch sagen die „Berufung“dieses Kollektivs, wie es unlängst in einer Broschüre von einem Franzosenüberzeugend dargestellt ist 110a ).
Wie aber steht es mit den beiden anderen Völkern — Sprachvolkund Grundvolk — haben sie überhaupt einen bestimmten Geist undwelcher könnte das etwa sein?
Daß dieser Volksgeist in einer realen Substanz bestehen soll, denen dieLebensäußerungen der Volksangehörigen zugeordnet werden könnten,haben wir bereits als Träumerei erkannt und deshalb abgelehnt. Außer dem