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Volke (worunter wir jetzt immer nur Volk II und III zu verstehen haben) undseinen Schöpfungen gibt es nichts. Will man einen Volksgeist annehmen,so kann er immer nur in diesen Schöpfungen des Volkes gefunden werden.Also in Sprache und Religion, geistiger und materieller Kultur. Sie sindzweifellos objektiver Geist und stellen in ihren verschiedenen Gestaltungenebenso zweifellos bestimmte Prägungen des objektiven Geistes dar: es gibtebenso einen Geist des römischen Rechts wie der nordfranzösischen Gothik,wie des Hanseatischen Handels.
Mit dieser Feststellung ist nun aber ganz gewiß die Frage noch nichtbeantwortet: ob ein Volk einen bestimmten Geist habe oder nicht. Demierstens ist es eine Behauptung, die erst des Beweises bedarf, daß ein be-stimmtes Kulturwerk ein bestimmtes völkisches Gepräge trage, das Ge-präge also der Gruppe trage, der sein Schöpfer (oder seine Schöpfer) an-gehören: zum Beispiel: ob das römische Recht Ausdruck des „Römertums“(wer waren „die Römer “ als das römische Recht geschaffen wurde?!), dieRembrandtsehe Kunst Ausdruck des „Holländertums“ und die chine-sische Sprache Ausdruck des „Chinesentums“ sei. Möglich — aber es mußbewiesen werden. Wozu vor allem auch gehören würde, daß man einenklaren Begriff des „Volkstums“ besäße, dem man ein Kulturwerk zurechnenkönnte.
Angenommen nun, jene Entsprechung zwischen Eigenart des Werkes undEigenart der Gruppe, in der es entstanden ist, sei nachgewiesen, so ergäbesich alsbald eine zweite, noch größere Schwierigkeit: den Geist der ver-schiedenen Kulturwerke auf einen Nenner zu bringen, damit so etwas wieein einheitlicher Volksgeist herauskäme.
Ich glaube, wir stehen hier vor einem unlösbaren Problem. Und die ver-suchten Lösungen sind Scheinlösungen. Meist oder immer, wenn man der-artige Konstruktionen eines bestimmten völkischen Geistes als den in allenObjektivationen sich gleichmäßig vorfindenden Geist unternimmt, spuktimmer noch (unbewußt) die Vorstellung einer selbständigen Substanz, eines„Substrats“, als deren Emanation die einzelnen Geistgebilde erscheinen.Denn wie anders sollen wir denselben Geist wiederfinden in einemKirchenbau und einem Bauernhause, in einer Art Handel zu treiben undeiner Art Feste zu feiern, in einer Staatsverfassung und einem lyrischenGedicht? Das Wort „Stil“ ist eine Verlegenheitsphrase. Ich sehe keinengemeinsamen „Stil“ zwischen der Art, in der der französische vertierte Bauersage im Jahre 1785 den Pflug zog und den Knixen in Versailles um dieselbeZeit.
Die einzig mögliche Methode, verschiedene Kulturerscheinungen zu einerZeit, in einem Volke, in einen ideellen (nicht kausalen!) Zusammenhang zu