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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Dieser Art der Ermittelung, bei der ich die bemerkenswerte Eigenartselbst unmittelbar am einzelnen mag dieser auch nur als Ziffer in derStatistik erscheinen feststelle, steht die andere gegenüber, bei der ichaus bestimmten Anzeichen Symptomen auf das Vorhandensein einer-seelisch-geistigen Eigenschaft oder Haltung schließe: ich nenne sie diemittelbare Feststellung.

Die Anzeichen, aus denen ich meine Schlüsse ziehe, können Einzel-symptome sein: ich schließe auf ein Reinlichkeitsbedürfnis der Hol-länder, weil sie sogar ihre Häuser waschen, oder es können Massen-symptome sein, wie sie die Statistik verzeichnet. So schließe ich aufdas Reinlichkeitsbedürfnis eines Volkes auch aus der Zahl der Badezimmer:in den Wohnhäusern, auf Trinkgewohnheiten aus der Menge der verzehrtenAlkoholika, auf Lesebedürfnis aus der Menge des verbrauchten Druckpapiers

USW.

Wobei Trugschlüsse sehr leicht möglich sind: die Badezimmer sind viel-leicht nicht benutzt, die Menge der verzehrten Getränke wird durch Gesetzffestgelegt, die Bücher stehen ungelesen in den Büchereien usw.

Eine andere Quelle der Fehlurteile kann darin liegen, daß ein bestimmtesSymptom auf verschiedene Weise gedeutet werden kann: ein starkerKirchenbesuch kann aus einer religiösen Gesinnung, aber auch aus politi-.schem Sensationsbedürfnis folgen; die schlechte Küche in einem Landebraucht nicht herzustammen aus Unempfindlichkeit für gutes Essen, sondernikann das Zeichen dafür sein, daß das Volk das Essen gering schätzt usw.,

Die Schwierigkeiten wachsen, wenn wir nun unser Augenmerk richten aufdie dritte Möglichkeit der mittelbaren Feststellung seelisch-geistigerMerkmale der Volksangehörigen, diejenige, bei der ich aus den Werken,den Kulturschöpfungen dieses Volkes auf die Eigenart seinerGlieder schließe. Also aus der Wirtschaftsverfassung, der Staatsform, derKunst, den Bildungsformen, der Sprache, den Sprichwörtern; den Gebäuden,den Straßen, den Denkmälern als äußerlich sichtbare Wahrzeichen usw.

Dieses Schlußverfahren müßte zu höchster Vollendung ausgebildet wer-den, wenn man die Völkerpsychologie auf eine wissenschaftliche Grundlagestellen wollte. Wobei man immer die Frage richtig fassen muß: nicht,welches ist die Eigenart, derGeist des Werkes oder des Kulturbereichs,sondern: welche Schlüsse kann ich aus der Eigenart des Werkes auf dieEigenart der Menschen ziehen, die mit ihm gelebt haben. Was für Men-schen waren es, die die Dreifelderwirtschaft eingeführt und getrieben haben,was folgt aus der gothischen Bauweise im 13. Jahrhundert für die Eigenartder Nordfranzosen jener Zeit; was für Schlüsse auf den Charakter eines