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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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macht die italienische Durchschnittskonstitution von Venedig bis Sizilien aus-Was von Fleiß und Rührigkeit, von Verstand und solider Gesinnung, von Acker-bau und solidem Handel in Italien vorhanden ist, wird durch die Lombarden,,die deutschen Abkömmlinge representiert.

Hehn:Ganz allgemein gesprochen ist der Mensch in Italien von schönerer,,edlerer Rasse als der germanische Nordländer. Damit wollen wir... sagen,,daß der Italiener in der Stufenreihe, die von den niedersten Typen zu immeredleren Organismen aufwärts führt, eine höhere Stelle einnehme, eine geistigere,,reicher vermittelte Menschenbildung darstelle als z. B. der Engländer..

Der Deutsche, wenn er Italien betritt und den Italiener sprechen, handeln, in>Ruhe und Geschäft sich darstellen sieht, erhält durchaus den Eindruck einerganzen und unmittelbaren Existenz, deren Äußerungen sich in natürlichemFlusse notwendig und leicht vollziehen sowohl geistig als leiblich. Er selbst,der Sohn des Nordens, ist ein so schwankendes, gebrochenes Geschöpf: ... baldergibt sich ein Überschuß des Geistes, wo allein organische Funktion sich voll-ziehen sollte, bald ist ein Glied, eine Muskelbewegung, ein Gesichtszug von derSeele gleichsam nicht durchleuchtet, von ihr unabhängig, also eckig, roh, plump,,mechanisch, bald endlich ist der ganze Apparat von Anfang an zu grob konstru-iert und regagiert gegen die Reize der Welt zu langsam oder gehorcht den Re-gungen des Gehirns nur spät und gleichsam widerwillig. Anders bei den Men-schen südlich der Alpen, den Italienern. Seine Erscheinung drückt eine Geistes-und Empfindungsfülle aus, die bei Bildung des organischen Leibes in ihrem Er-guß nicht aufgehalten worden, sondern sich volles sinnliches Formdasein ge-geben hat. Der physiognomische Typus ist edel; alles eigentlich Brutale ist:getilgt und tritt nie, auch in unbewachten Augenblicken nicht wieder hervor..

Wenn wir diese kleine Sammlung von Äußerungen bedeutender Männerüber die seelisch-geistige Eigenart der Völker überblicken, so ist wohl dererste Eindruck der: daß sie von einigen verblüffenden Übereinstimmun-gen abgesehen in'vollem Umfange das skeptische Urteil über den Wertoder richtiger Unwert völkerpsychologischer Sentiments bestätigt, zu demuns unsere allgemeinen Betrachtungen geführt haben: die verchiedenemAussagen erscheinen zum großen Teil unwahr, einseitig, widerspruchsvoll,,ja zuweilen verschroben und lächerlich.

Aber dieses harte Urteil wird doch gemildert, wenn wir zweier Umstände-uns bewußt bleiben, auf deren Bedeutung ich auch schon hingewiesen habe..

Da ist erstens der Umstand, daß die Urteile man kann wohl sagenaller Beobachter (diesen selbst meist oder immer unbewußt) naturgemäß,auf einen engeren Kreis von Volksgenossen, nicht auf das gesamte Volksich beziehen: Lichtenberg und Goethe schweben Literaten, Dichter,,reisende Engländer vor; Arndt denkt an seine friesischen Bauern; List,an die schwäbische Bürokratie und Kaufmannschaft; L a g a r d e undNietzsche kennen nur Professoren, Studenten und Schulamtskandidaten^Bismarck macht seinem Arger Luft über Höflinge, Diplomaten und vor

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