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allem die Parlamentarier usw. Chateaubrian ds oder BalzacsUrteile über Franzosen beziehen sich gewiß nicht auf die Zustände unterden Bauern der Bretagne oder der Vendee, sondern ausschließlich auf diePariser. Was Goltz über die Italiener schreibt, stammt aus der typischenTouristenathmosphäre, in der man sich über spitzbübische Kellner undBarkenführer ärgert, wie Hehn sich bestimmt den schlanken und intelli-genten Hirten der Abruzzen zum Modell gewählt hat: keiner von beiden hatgewiß an den vornehmen und exklusiven italienischen Adel oder an diehohe Geistlichkeit oder den mittelstädtischen „Signore“ gedacht, der min-destens so ehrlich und mindestens so spießig und dickbäuchig ist wie etwader deutsche.
Sodann aber müssen wir bei der Bewertung vieler Urteile über Völker-eigenarten in Rücksicht ziehen, daß diese „Art“ mehr oder weniger starkdem Wandel der Zeiten unterliegt, die Urteile über sie also zeitbedingt sind.Was für gewaltige Veränderungen in der „Volksseele“ selbst in der kurzenSpanne der letzten 100 bis 150 Jahre sich vollzogen haben, tritt bei keinemVolke so deutlich in die Erscheinung wie bei den Deutschen . Während sichz. B. bei den Franzosen eine gewisse Beständigkeit des Volkscharakterswährend der letzten Jahrhunderte feststellen läßt —■ und wäre es auch nurder Zug der Unbeständigkeit —■ hat sich das deutsche Wesen in letzter Zeitoffenbar von Grund aus verändert. Das über die Deutschen bis etwa zurMitte des 19. Jahrhunderts Gesagte ist für uns heutige vielfach überhauptunverständlich: man glaubt, daß von einer ganz anderen Menschenspeziesdie Rede ist, wenn man etwa den deutschen „Individualismus“ rühmen hört.Aber auch die Urteile etwa Lagardes oder Nietzsches sind auf dieDeutschen des „zweiten Reichs“ zugeschnitten und passen auf die Deut-schen der Nachkriegszeit nur noch in sehr beschränktem Umfange.
Hat sich die deutsche „Volksseele“ in diesem Zeitraum „gewandelt“?Oder sind andere Volksschichten in den Vordergrund getreten, die den Ge-samteindruck bestimmen? Vielleicht beides.
Man kann die Wandlungen, die wir am deutschen Wesen beobachten, sichnoch deutlicher machen, wenn man die Veränderung beobachtet, die indiesem Zeitraum des letzten Jahrhunderts das völkische Menschenideal, der„Nationalheros“ erlitten hat. Dieses war beispielsweise in Deutschland —kurz gesagt — zu Goethes Zeit der Privatdozent, zu Bismarcks Zeitder Reserveoffizier oder Korpsstudent, und ist heute der Sportsmann. Damitist auch die verschieden große Breite der Schichten angedeutet, die als„Volk“ überhaupt in Betracht kommen, und für dieses stellvertretend stehen:diese Breite nimmt in unserm Zeitalter beständig zu.
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