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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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ker unterscheidet, was sich so ziemlich mit der Einteilung in Kon-ti n e n t e deckt.

4. Mit dem Aufkommen der Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert istin manchen Kreisen die Einteilung in Sprachgruppen nachder Eigenart der Sprache bevorzugt worden. Danach unterscheidetman Völker mit isolierenden, agglutinierenden, flexierenden Spra-chen; Völker gleichen Sprachstammes, wie die Indoeuropäer u. a.Neuerdings ist versucht worden, die großen Sprachgruppen mit dengroßen Kulturkreisen zur Deckung zu bringen 11013 ).

Es folgen nun eine Reihe von Gruppenbildungen nach den ver-meintlichen seelisch-geistigen Eigenarten der Völker, die an die in-dividual-psychologischen Feststellungen anknüpfen. So glaubt manunterscheiden zu können (in Europa):

5. Die Gruppe der nordischen und der mittelländischenVölker, von denen jene denTypus des Leistungs- oder Sach-Men-schen, diese den des Darbietungs- oder Form-Menschen darstellensollen. Das soll für die neuere Zeit, aber auch für die Antike gelten.So nannte Nietzsche die Griechen ein Schauspielervolk.Dieganze antike Menschheit ist voll von zarten Rücksichten aufdenZuschauer als eine wesentlich öffentliche, wesentlich augenfälligeWelt, die sich das Glück nicht ohne Schauspieler und Feste zudenken wußte. Genealogie der Moral. II, 7.

Die antike Literatur unterscheidet sich in formaler Hinsicht vonder Literatur aller modernen Völker dadurch, daß sie unvergleichlichhöheren Wert auf die Formen der Darstellung legt 110c ).

Der Hauptmangel dieser Unterscheidung liegt darin: daß durch sienicht immer Völker in ihrer Gänze getroffen werden, sondern daßder Gegensatz sehr häufig, vielleicht immer, durch das eine Volkquer hindurch geht und man dadurch außerstande ist, dieses ein-zuordnen in eine der beiden Gruppen. In welche gehören z. B. wirDeutsche? Von denen es einerseits heißt:

Es trägt Verstand und rechter SinnMit wenig Kunst sich selber vor...

Und wenns Euch ernst ist, was zu sagenIsts nötig Worten nachzujagen?

und bei denen doch namentlich in neuerer Zeit die Redekunstin Blüte steht. Die Deutschen, von denen ein Kant meinte: keinanderes Volk nehme bei seinen Handlungen soviel Rücksicht auf denZuschauer wie sie und die doch auch wieder als Sachmenschenschlechthin gekennzeichnet werden? Vielleicht macht sich hier der

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