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Da alle Völker einmal zum Sinken kommen, besteht keine Gefahr derÜbervölkerung im allgemeinen.
Einen beträchtlichen Fortschritt in der Überwindung der naturwissen-schaftlichen Auffassung bedeutet auch die Bevölkerungstheorie von KarlMarx .
Marx betonte mit Entschiedenheit die Historizität der Bevölkerungs-bewegung, und daß es infolgedessen nur sinnvoll sei, Bevölkerungsgesetzefür bestimmte Zeitabschnitte aufzustellen. „Ein abstraktes Populations-gesetz existiert nur für Pflanzen und Tiere, soweit nicht der Menschgeschichtlich eingreift 147 ).“ Aber dabei blieb es; in Wirklichkeit stellte erdann doch ein „Bevölkerungsgesetz “ naturwissenschaftlicher Prägung auf,wenn auch nur für eine bestimmte Epoche: „die Bevölkerung wächst immerrascher als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals“.
Es haben dann während dieser ganzen dunklen Zeit viele Bevölkerungs-theoretiker in allen Ländern geschrieben, die das Richtige wohl geahnthaben, aber es nicht ausdrücken konnten oder wollten, weil sie im Bannedes naturwissenschaftlichen Denkens standen. Ihre Namen zu nennen,würde zu weit führen. Erwähnen will ich nur, daß in England und Amerika in den letzten beiden Jahrzehnten eine besonders reiche Literatur erwachsenist, die sich mit Entschiedenheit geistwissenschaftlicher Methoden zur Bear-beitung bevölkerungstheoretischer Probleme bedient und die auch dieTheorie der Bevölkerungsbewegung mit Verständnis behandelt, freilich auchohne sich der grundsätzlichen Verschiedenheit der alten und neuen, das heißtder naturwissenschaftlichen und geistwissenschaftlichen Verfahrensweisenbewußt zu sein. Ich werde Gelegenheit nehmen, im folgenden ihre Schriftenzu würdigen.
Besonders genannt zu werden verdient hingegen ein Buch, das ebenfallseinem Amerikaner seine Entstehung verdankt, das aber mit den Forschungs-weisen der neueren Zeit in keinem Zusammenhänge steht. Ich meineFrank Fetter , Versuch einer Bevölkerungslehre, ausgehend von derKritik des Malthus’schen Prinzips. 1894. Dieses Buch trifft M a 11 h u s anden schwächsten Stellen und stellt wohl den weitesten Vorstoß in der Rich-tung auf eine geistwissenschaftliche Bevölkerungslehre dar. Der dritteAbschnitt des Buches trägt den verheißungsvollen Titel: „Darstellung einervoluntaristischen Bevölkerungslehre.“ Leider mangelt dem Verfasser, derbei Erscheinen der Schrift ein junger Anfänger war, die erkenntnistheore-tische Schulung, um seine Ansichten begründen zu können: so fehlt derKristallisationspunkt, an dem die vielen richtigen Gedanken, die das Buchenthält, zu einem systematischen Ganzen zusammenschießen.