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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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VI

Ich habe vorhin drei Aufgaben einer geistwissenschaftlichen Bevölkerungs-theorie genannt, die wir nunmehr an einigen Beispielen uns verdeutlichenwollen.

Es handelt sich zunächst um die Auffindung von Gesetzmäßig-keiten, die nicht das Gepräge von Naturgesetzen tragen und deshalb denGeistwissenschaftler angehen. Was darunter zu verstehen ist, habe ich ananderer Stelle ausführlich darzutun versucht (siehe Anm. 143). Hier nur dasNötigste: Feststellungen von Gesetzmäßigkeiten im Bereiche des Kultur-geschehens günden auf der Einsicht in die Verites de raison Leibnizens,in die idealen Wahrheiten, dierein in Begriffen gründen, die uns gegebenund von uns erkannt sind in apodiktisch evidenten reinen Allgemeinheiten,die deshalb auch, im Gegensatz zu den Naturgesetzen, die aus der Erfahrunggenommen sind, weil a priori das Merkmal der Notwendigkeit an sichtragen.

Ein besonders fruchtbares Gebiet, wo sich solche Gesetzmäßigkeiten imBereiche der Bevölkerungsbewegung aufweisen lassen, ist die Verteilungder Bevölkerung über die Erde und der damit gegebene Nahrungs-spielraum: ein Problem, das in theoretisch einwandfreier Weise zu er-örtern, dem RobertMalthus und seiner Gefolgschaft zunächst obgelegenhätte, zu dessen Klärung sie aber auch nicht das allermindeste beigetragenhaben. Es ist deshalb auch nicht richtig, wenn man, wie es oft geschieht,zur Verteidigung des Malthus geltend macht: er habe das Verdienst,mitNachdruck und wissenschaftlichen Beweisen den Zusammenhang der Men-schenzahl mit der Erwerbsmöglichkeit betont und die vorhandenen Grenzender letzteren erläutert zu haben 148 ). Betont schon, erläutert nicht.

Inzwischen ist viel zur Lösung des Problems beigebracht. Die wichtigstenAussagen, die man über den Nahrungsspielraum und seine Gesetzmäßigkeitmachen kann, sind folgende:

Der Nahrungsspielraum, worunter wir den Spielraum verstehenkönnen, innerhalb dessen sich eine Bevölkerung von gegebener Größeinnerhalb eines Gebiets von gegebener Ausdehnung bewegen kann, ist dieFunktion zweier Variabein:

Einerseits des Güterbedarfs, der sich verschieden gestaltet nach derErnährungsweise (je nachdem Bananen, Reis, Getreide, Kartoffeln, Fleischoder sonst eine Frucht oder ein Nahrungsmittel die Grundlage bildet), nachder Wohn- und Bekleidungsart sowie nach den Ansprüchen, die die Men-schen an die Zivilisationsgüter aller Art stellen;

andererseits der Gütererzeugung, deren Art und Umfang durch das