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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Ausmaß der produktiven Kräfte und ihrer Nutzung innerhalb einer Bevöl-kerungsgruppe bestimmt wird.

Das Verhältnis der Bevölkerungsmenge zum Nahrungsspielraum findetseinen gesetzmäßigen Ausdruck am besten in dem Begriffe der Über-völkerung, das heißt eines Zustandes, in dem der Nahrungsspielraumeiner Bevölkerung von gegebener Größe nicht genügt. Dies Nichtgenügenkann in einem engeren oder weiteren Sinne gefaßt werden: Übervölkerungim engeren Sinne ist der Zustand, bei dem Teile der Bevölkerung ein aus-kömmliches Leben nicht führen können, das heißt: nicht genug haben ent-weder zur Befriedigung ihrer gewohnten Kulturbedürfnisse oder zur Befrie-digung der notwendigen Existenzbedürfnisse und im einen wie im andernFalle keinen Nachwuchs aufziehen können.'

Übervölkerung im weiteren Sinne liegt schon vor, wenn wesentliche Teile-der Bevölkerung Schwierigkeiten der Lebensführung haben.

Diese Übervölkerung kann nun sein:

1. Relativ oder absolut zu den wirtschaftlichen Bedingungen, und zwar:relativ mit Bezug auf eine gegebene Verteilung, etwa des Grund-besitzes: ein paar Magnaten besitzen den größten Teil des Landes,die große Masse darbt, während sie auskömmlich leben könnte beigleichmäßiger Verteilung des Grund und Bodens; oder die Über-völkerung ist relativ mit Bezug auf eine gegebene Wirtschaftsweise:eine Bevölkerung kann nicht mehr von der Jagd leben, könnte abersehr gut auf demselben Gebiet vom Ackerbau leben; ein Bodenland(Agrarland) ist übervölkert, was es als Arbeitsland (Industrieland)nicht zu sein brauchte; oder sie ist relativ mit Bezug auf eine be-stimmte Ernährungsweise: Bodenfrüchte oder Chemikalien; Fleisch-oder Pflanzennahrung; Weizenbrot oder Kartoffeln usw.

Absolut ist die Übervölkerung, wenn bei gleichmäßiger Verteilung undhöchstmöglicher Produktivität und billigster Ernährungsweise ein Nicht-genügen des Nahrungsspielraums eintritt.

Die Übervölkerung kann sein:

2. chronisch oder vorübergehend;

3. generell oder speziell, und zwar in diesem Falle wiederum entwedergeographisch oder sozial verstanden: im geographischen Sinne liegteine generelle Übervölkerung vor, wenn ein ganzes Gebiet Erde,Erdteil, Land spezielle Übervölkerung, wenn ein Gebietsteil über-völkert ist; im sozialen Sinne kann sich die Übervölkerung entwederauf die gesamte Bevölkerung eines Gebietes oder nur auf einzelneGruppen dieser Bevölkerung beziehen: in jenem Falle ist sie (sozial)absolut, in diesem relativ.