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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Das Problem der sozial-speziellen Übervölkerung ist das interessantestealler Probleme, die den Nahrungsspielraum betreffen; es trägt freilich schondas Gepräge eines wirtschaftlichen Problems und kann deshalb hier nicht,ausführlich erörtert werden. Ich will aber doch wenigstens folgendes dar-über aussagen.

Übervölkerung kann herrschen unter der landwirtschaftlichen oder derübrigen Bevölkerung eines Landes. Bei jener tritt sie auf, wenn der Bodenknapp wird und seine Produktivität sich nicht steigern läßt: eine sozial-spezielle Übervölkerung auf dem flachen Lande hat meist die Tendenz zueiner sozial-generellen Übervölkerung sich auszuwachsen. Dagegen kannlange Zeit eine spezielle Übervölkerung in der nicht landwirtschaftlichtätigen Bevölkerung herrschen. Sie tritt dann ein, wenn dieser Bevölke-rungsanteil zu groß im Verhältnis zur landwirtschaftlich tätigen Bevölkerungwird. Die statthafte Besetzung der nicht Landwirtschaft treibendenSchichten der Bevölkerung wird nämlich bestimmt durch die Höhe der Über-schüsse, die die Landwirtschaft abzugeben in der Lage und gewillt ist-Dabei ist es gleichgültig, ob die nicht landwirtschaftliche Bevölkerung inStädten agglomeriert ist oder nicht. Bei der städtischen Bevölkerung trittdas Gesetz nur besonders deutlich in die Erscheinung, weshalb wir die ob-waltenden Zusammenhänge am besten an ihr uns verdeutlichen. Eine öko-nomische Städtetheorie enthält folgende Sätze 149 ):

1. die Größe einer Stadt wird bedingt durch die Größe des Produktesihres Unterhaltsgebietes und die Höhe ihres Anteils daran, den wirMehrprodukt nennen können;

2. bei gegebener Größe des Unterhaltsgebietes und der (durch denFruchtbarkeitsgrad der Gegend oder den Stand der landwirtschaft-lichen Technik) gegebenen Größe der Gesamtproduktion hängt ihre-Größe ab von der Höhe des Mehrprodukts; daher in despotischregierten Staaten größere Städte als in demokratisch regiertenStaaten liegen können;

3. bei gegebener Größe des Unterhaltsgebietes und gegebener Höhe-des Produktanteils ist die Größe der Stadt bedingt durch die Frucht-barkeit des Bodens und den Stand der landwirtschaftlichen Technik;,daher in fruchtbaren Gebieten giößere Städte als in unfruchtbaren(die frühesten Großstädte des Mittelalters in Flandern und Bra-bant!);

4. bei gegebenem Anteil und gegebener Ergiebigkeit des Bodens istdie Größe der Stadt bedingt durch die Weite ihres Unterhalts-gebietes; daher größere (Haupt-)Städte in größeren Reichen, größere*Handelsstädte;