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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Arbeitskraft niedriger ist als die bisherige Grenzproduktivität unddie Kompensation nicht ausreicht;

3. eine Vermehrung der Bevölkerung ist überhaupt nicht mehr möglich,wenn ein Teil der Bevölkerung auf dem physischen Existenz-minimum angelangt ist und die zuwachsende Arbeitskraft nicht min-destens ihren Unterhalt erarbeitet.

Diese Gesetze verlieren ihre Gültigkeit:

1. bei grundsätzlicher Veränderung der technischen Methoden: Über-gang von organischer zur anorganischen Technik!

2. bei grundsätzlicher Veränderung der Ernährungsweise durch Über-gang zu chemisch hergestellten Nahrungsmitteln: Pillen!

Aus diesen Ausführungen ergibt sich für die Lehre von der Beziehungzwischen Bevölkerungsmenge und Nahrungsspielraum die wichtigste Ein-sicht, daß man vor allem Rücksicht zu nehmen hat auf die Verschiedenheitder historischen Perioden, in denen sich die Völker befinden.

Offenbar liegen den Untersuchungen der amerikanischen Bevölkerungs-theoretiker, von denen ich oben sprach, die hier skizzierten Gedanken zu-grunde. Sie benutzen als Arbeitshypothese meist den Begriff der optimalenBevölkerungsgestaltung (der Optimum Population).

Ob das zweckmäßig ist, möchte ich bezweifeln. Und zwar aus demGrunde, weil jener Begriff des Optimum doch unvermeidlich mit einem Wert-urteil belastet ist und deshalb an seiner objektiven Eindeutigkeit Einbußeerleidet. Trotzdem haben die Forschungen jener Gelehrten zum Teil guteErgebnisse geliefert. Ich führe in der Anmerkung 1 ® 1 ) einige der Veröffent-lichungen der englischen und amerikanischen Bevölkerungstheoretiker derneueren Zeit an, damit der Leser sich selbst ein Urteil bilden kann (falls ihmdaran gelegen sein sollte).

Eine weitere Aufgabe der geistwissenschaftlichen Bevölkerungstheorieist, wie wir sahen, die Aufstellung von Tendenzen. Darunterverstehe ich eine Projizierung des Geschehens in die Zukunft und eine An-gabe der Richtung, in der sich das Geschehen vermutlich bewegen wird.

Solche Tendenzen hat man in der Lehre von der Bevölkerungsbewegungfrühzeitig ermittelt und bekanntgegeben in den sogen. Sterbetafeln oder Ab-sterbeordnungen, von denen ich bereits gesprochen habe. Nur daß man auchsie methodisch falsch gewertet hat; wenn man in ihnen den Ausdruck vonNaturgesetzen erblickte, während sie in Wirklichkeit, wenn wir sie ihresmathematischen Gewandes entkleiden, nichts anderes enthalten als Aussagenüber den wahrscheinlichen Verlauf der Bevölkerungsbewegung innerhalbganz bestimmter Bevölkerungsgruppen und ganz bestimmter historischerVerhältnisse.