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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Außer diesen allgemeinen Sterbetafeln lassen sich dann Tendenzen mitgrößerem Wirklichkeitsgehalt aufstellen für die Bevölkerungsbewegung inengeren Kreisen; etwa für die Neger in New York oder für die Erbhofbesitzerin Niedersachsen oder für die Nobilty in England . Die Feststellungen werdenum so zuverlässiger sein, je gleichförmiger (homogener) die Gruppe ist, aufdie sie sich beziehen.

Die dritte Aufgabe endlich, die ich einer geistwissenschaftlichen Bevölke-rungstheorie gestellt hatte, bestand in der Schematisierung undSystematisierung der Möglichkeiten, von denen die Gestal-tung der Bevölkerungsverhältnisse abhängen kann. Ich teile zunächst dasSchema mit, das mir geeignet erscheint, diese verschiedenen Möglichkeitensystematisch zu ordnen und werde dann an einzelnen Beispielen zeigen, inwelcher Weise diese Möglichkeiten sich jeweils verwirklichen. Es mag ge-nügen, uns die Möglichkeiten zum Bewußtsein zu bringen, die bei der Beein-flussung des Zeugungs- und des Sterbe-Vorganges durch den menschlichenWillen obwalten können. Diese Beeinflussung erfolgt durch folgendeInstanzen:

I. Geist:

1. Religion,

2. Staat,

3. Familie,

4. Stand des medizinischen und hygienischen Wissens,

5. Gesellschaftliche Schichtung,

6. Wirtschaft.

II. Leib und Seele;

III. Himmel und Erde.

Eine andere, ebenfalls ziemlich vollständige, aber ungeordnete Aufzählungder auf Geburt und Tod einwirkenden Umstände findet sich schon in der vonE. Engel bearbeiteten Sächsischen Bevölkerungsstatistik des Jahres 1852.Man fragt sich immer wieder: wenn die Leute das alles wußten: warumblieben sie Malthus -Gläubige?

Es folgen nun Beispiele, die die Wirkung der verschiedenen Faktorenverdeutlichen sollen. Unter den Quellen, denen diese Beispiele entnommensind, spielt für die primitiven Völker die gesamte ethnographische Lite-ratur eine entscheidende Rolle. Sie ist neuerdings in ausgiebiger Weise ver-wertet worden in dem Anm. 151 ) genannten Buche von Carr-Saunders .Für die spätere Zeit kommt das gesamte geschichtswissenschaftlicheSchrifttum in Frage. Belege im einzelnen beizubringen, erübrigt sich, da essich im wesentlichen um allbekannte Dinge handelt, die nur in den richtigenZusammenhang zu bringen sind. Vor allem gilt es, von der M a 11 h u s sehen