Hemmenden Einfluß übt der Staat durch den Krieg, der eine ungünstige Be-einflussung sowohl der Geburten als der Sterberaten im Gefolge hat. Hier einZahlenbeispiel aus längst vergangenen Zeiten (das natürlich heute noch unver-minderte Gültigkeit hat, nur daß in den modernen Kriegen die Sterblichkeit nochviel größer ist): in Belgien und Holland betrugen:
Kriegsepoche Friedensepoche1804—1813 1815—1824
Sterbefälle. 1487 606 1421600
Geburten . 1765 179 2 015 646
Trauungen .%. 406 743 430 247
Mitgeteilt von Quetelet, Der Mensch (1838), 175.
Die Bevölkerungspolitik des Staates wird stark beeinflußt sein in ihrer Rich-tung durch die jeweilige Auffassung von dem Werte einer großen Bevölkerungs-zahl. Diese Auffassung aber wird schwanken mit der tatsächlichen Gestaltung derBevölkerungsbewegung. In der neueren Zeit beginnt mit dem Aufkommen derabsoluten Staaten bei gleichzeitig schwacher Bevölkerung im 16. Jahrhundert diePeuplierungswut der Fürsten, die in dem Schrifttum der Zeit ihren Widerhallfindet. Mit B o d i n u s nimmt die Bewegung ihren Anfang; dann folgt B o t e r o ,dann folgen im 17. Jahrhundert fast alle namhaften politischen Schriftsteller mitwenigen Ausnahmen, wie R a 1 e i g h und Bacon in England . Das WortHeinrichs IV. von Frankreich: „ la force et la richesse des rois consiste dans lenombre et dans l’opulence des Sujets“ wird von allen Staaten zur politischenMaxime erhoben. Friedrich M. schrieb in diesem Sinne an Voltaire: „ jeregarde les hommes comme une horde de cerfs dans le parc d’un grand seigneuret qui n’ont pas d’autre fonction que de peupler et remplir l’enclos.“
Dann kam die Überschwemmung der europäischen Staaten mit Menschen im19. Jahrhundert und erweckte die Bedenken der Politiker gegenüber einer soreichlichen Bevölkerungsvermehrung, bis im 20. Jahrhundert die rückläufigeBewegung wieder einsetzte, um prompt die vergessene „Peuplierungs“politikwieder zu Ehren zu bringen.
Doch das sind alles bekannte Dinge, an die hier nur erinnert werden sollte,um die Bedeutung des Staates und seiner Ideale für den Verlauf der Bevölke-rungsbewegung ins richtige Licht zu setzen.
Nur eines Zusammenhangs will ich noch ausdrücklich Erwähnung tun, weil erverborgener ist: ich meine die geburtenanregende Wirkung, die Revolutions-zeiten ausüben. So hat man berechnet, daß in allen Ländern, die die Bewe-gung von 1848 ergriff, während der ersten Monate die Empfängnisse stiegen, siehedie Ziffern bei Dieterici in den Abhandlungen der Berliner Akademie derWiss. 1855, Seite 321 ff. In denselben Zusammenhang gehört wohl auch dieSteigerung der Geburtenzahl im Anfang der faszistischen Bewegungen.
Unter dem Einfluß der Familie verstehe ich alle die Geburt und Todregelnden Sitten und Gebräuche, die sich aus dem Verkehr der Geschlechter er-geben, ohne daß Religion oder Staat eine selbständige Einwirkung ausüben.Wenn wir diese Sitten und Gebräuche bei Natur- und Kulturvölkern überblicken,so bemerken wir bei beiden dieselbe strenge Regelung der Proliferation, die diesevöllig aus dem Naturzusammenhang herauslöst und zu einem künstlichen Werkemenschlicher Vorsorge macht, bei dessen Gestaltung die ökonomischen Erwä-