Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
318
Einzelbild herunterladen
 

318

gungen, das heißt die Sorge um die nötigen Unterhaltsmittel, eine verschwindendgeringe Rolle spielen.

Für die Naturvölker haben die neueren Forschungen viel Material zu-sammengebracht, aus dem die voluntaristische Bevölkerungsbewegung mitDeutlichkeit zu ersehen ist. Richtig erkannt hatten unbefangene Beobachter deren.Eigenart schon längst. Ich wüßte eigentlich nicht, was den Ausführungen, dieAlexandervon Humboldt vor mehr als hundert Jahren über diesen Punktgemacht hat, noch hinzuzufügen wäre, es sei denn die Bemerkung, daß alle seineFeststellungen durch die neueren Untersuchungen in vollem Umfange bestätigtsind. Ich teile deshalb der Kürze halber die Äußerungen Humboldts imfolgenden mit. Er schreibt:Die Ursachen der Entvölkerung in den christlichenNiederlassungen sind der Widerwille der Indianer gegen die Zucht der Missionen,das ungesunde, zugleich heiße und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, dieVerwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind und die schändliche (!) Sitteder Mütter, giftige Kräuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger werden.

Bei den barbarischen Völkern in Guayana wie bei den halbzivilisierten Be-wohnern der Südseeinsel gibt es viele junge Weiber, die nicht Mutter werdenwollen ... Bekommen sie Kinder, so ist das Leben vielen Gefahren ausgesetzt,die von allem andern als Nahrungsmittelknappheit herstammen; so dem Aber-glauben, der jeden Illing zu erdrosseln treibt.Zwillinge in die Welt setzen,heißt sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heißt es machen wie Ratten, Beutel-tiere und das niedrigste Getier, das viele Junge zugleich wirft. Außerdem:Zwei zugleich geborene Kinder können nicht von einem Vater sein. Mißgebil-dete und sehr schwächliche Kinder werden sofort umgebracht.

Dies ist die Unschuld und Sitteneinfalt, dies ist das gepriesene Glück de&Menschen im Urzustand! Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen;lächerlich zu werden, um nicht langsamer wandern, um sich nicht kleine Ent-behrungen auferlegen zu müssen.In Europa, sagt der Jesuit G i 1 i, der15 Jahre lang von Indianern am Orinoco die Beichte genommen hat undi segretidelle donne maritate zu kennen sich rühmt, fürchten sich die Eheweiber vor demKinderbekommen, weil sie nicht wissen, wie sie sie ernähren, kleiden, ausstattensollen (?). Von allen diesen Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie-wählen die Zeit, wo sie Mütter werden wollen, nach zwei entgegengesetztenSystemen, je nach dem sie von den Mitteln, sich frisch und schön zu erhalten,,diese oder jene Vorstellung haben... Je nachdem die Indianer das eine oder das.andere System haben, werden die Abtreibmittel in verschiedenen Lebensaltern'gebraucht. Alexander von Humboldt , Reise in die Äquinoktional-gegenden usw. (1799/1800). Deutsch von Hermann Hauff (1861) 4, 225 f-

Zur Ergänzung dieser Schilderung: der künstliche Abort ist bei zahlreichenNaturvölkern nachgewiesen, ebenso wie der Gebrauch anti-konzeptioneller Mittel;,mit der in den meisten Stämmen eingehaltenen Verlängerung der Säugezeit (berden Eskimos bis zum 10. Jahre) ist in der Regel die Enthaltung vom Geschlechts-verkehr verbunden. Diese Enthaltung wird auch bei andern Gelegenheiten geübt:Vorbereitung zur Jagd, zu kriegerischen Expeditionen u. dgl.

Kindestötung ist eine weitverbreitete Sitte: manche Stämme töten jedes Kind,bis das Älteste allein wandern kann; in andern Stämmen darf die Mutter nurjedes zweite Kind großziehen, also das erste, dritte usw., muß aber auf das zweite,vierte usw. verzichten. Wieder in andern werden alle Mädchen getötet, um Platz.