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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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für Buben zu lassen. Mehr wie drei Kinder wollen sie nicht haben, obwohl siemit Leichtigkeit mehr Unterhalt von ihrem Grund und Boden durch etwas Zusatz-arbeit gewinnen könnten. Siehe das reiche Material bei A. M. Carr-Saun-d e r s , namentlich im 9. Kapitel.

Die Idee desstandesgemäßen Unterhalts, also eine rein geistige Kategorie,die mit dem physiologischen Nahrungsmittelspielraums nichts zu tun hat, scheintin vielen Naturvölkern verbreitet zu sein.

Erwähnt muß noch werden, daß wir bei manchem Nalurvolke einer weitgehen-den Müdigkeit und Unlust zum Leben begegnen, die schließlich zur Abstinenzführen, öfters um dem Leben voll Plage und Elend zu entgehen, das ihnen dieWeißen boten. Siehe z. B. T h. W a i t z , Anthropologie der Naturvölker l 2 (1877),181; Seek, a. o. 0. 2. Aufl. S. 386; Paul Ernst, Zusammenbruch undGlaube (1922), 58.

Und wie die Naturvölker angefangen haben, so haben die Kulturvölkeres weiter getrieben: auch bei ihnen die Neigung zu kunstvoller Regelung desGeschlechtslebens und weitgehende Beschränkung der Geburtenzahl ohne alleRücksicht auf die sogenannten Ernährungs- oder Unterhaltsmöglichkeiten.

Anwendung anti-konzeptioneller Mittel und künstlicher Abort waren schon weitverbreitet in den alten Kulturreichen Asiens , ebenso wie im europäischen Alter-tum. Der Abort war nicht verboten im griechischen, römischen und hebräischenRecht, auch nicht in den deutschen Volksrechten. Der Koran gestattet ihn noch.Erst das Christentum verpönt ihn im Anschluß an einige Stellen des Alten Testa-ments , in denen der Kinderreichtum gesegnet wird.

Ein Stimmungsbild aus dem zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt entwirftPolybius, wenn er schreibt:Zu meiner Zeit litt ganz Griechenland anKinderlosigkeit und überhaupt an Menschenmangel, wodurch die Städte sich ent-leerten und das Land keine Frucht mehr trug, obgleich weder ununterbrocheneKriege noch Seuchen uns betroffen hatten. Denn die Menschen hatten sich demÜbermut, der Geldgier und der Trägheit zugewandt; sie wollten nicht mehr hei-raten oder, wenn sie es taten, doch nicht alle ihre Kinder aufziehen, sondernhöchstens eins oder zwei, um diese reich zu hinterlassen oder üppig großzu ziehen.

Die Gründe für die Entvölkerung Persiens im 17. Jahrhundert sieht ein scharferBeobachter teils in der politischen Verfassung, teils in Sitten und Gebräuchender Bevölkerung. Unter diesen sind neben der Homosexualität beider Ge-schlechter die wichtigsten die künstliche Verhinderung des Empfängnisses unddie Abtreibung der Leibesfrucht und aus welchen Motiven:II arrive encoreque beaucoup de fennnes se font avorter et prennent des remedes, pour ne pasdevenir grosses, parce que des quelles sont ä trois ou quatre mois de grossesse,leurs maris sattachent ä dautres (!), tenant pour turpitude ou indecence decoucher avec une femme avancee dans son terme. Voyages de Chev. Chardinen Perse etc. Nouv. ed. par L. Langles. T. III. (1811) p. 271/72.

Wie es bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich aussah, schildertuns Moheau (1. c. pag. 102) mit bewegten Worten: die antikonzeptionellenMittel verbreiten sich rasch im Lande meint er und fügt hinzu:si ce libertinagepönetre dans les marriages et les corrompt, cette Union perd sa surete et son plusgrand attrait. Er beurteilt die Lage zu seiner Zeit wie folgt:les femmesriches... ne sont pas les seules qui regardent la propagation de lespöce comme