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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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damit schon in den Bereich derGeschichte hinüberwechseln, aber dochnur in den Außenbereich, denn es handelt sich für uns hier doch immer nurum den Aufbau der Grundlagen, auf denen die eigentliche Geschichte ruht.

Der Kampf des Menschen mit der Natur äußert sich in sehr verschiedenenFormen, die ich in den drei Unterabschnitten dieses Kapitels der Reihe nachbetrachten will. Diese Formen sind:

I. Die Eroberung der Erde durch den Menschen;

II. Die Umgestaltung der Erde durch den Menschen;

III. Der Sieg des Menschen über das Leben.

I

Die Eroberung oder Inbesitznahme der Erde vollzieht sich in einer doppel-ten Weise: einerseits durch die Erkundung der Erdoberfläche; andererseitsdurch deren Besiedelung.

Die Etappen, in denen die Menschen Kenntnis von der Erdober,fläche gewonnen haben, sind bekannt.

Man kann in der Erkundung der Erde deutlich zwei verschiedene Periodenunterscheiden: diejenige, die von der Zeit gebildet wird, in der die Menschendie Erde flach und diejenige, in der sie sie rund sich vorstellten. In jenerZeit war die Erdoberfläche unbegrenzt und unbegrenzbar: der bewohnteTeil, das heißt derjenige Fleck, auf dem das eigene Volk saß, bildete deneinzigen lichten Punkt in der Dunkelheit.

Um ihn herum lagerten noch die Streifen des Halbdunkels, das die wenigenHandelsfahrten matt erhellten. Und dann begann die unheimliche Finsternis,die in das Reich der Schatten überging: der Nährboden aller romantisch-phantastisch-schauerlichen Vorstellungen jener Zeit.

Die Einsicht in die Kugelgestalt der Erde ist ein Glied in der Ketteder Entzauberungsvorgänge, die die Menschheit seit dem Beginn der neuenZeit erlebte. Nun gab es kein ultima Thule, kein Dunkel hinter der bekanntenWelt, kein Nirgendwo mehr; nun wußte man, daß die Erde ein wohl abge-grenztes Stück des Weltalls sei, das man vermessen und in Felder einteilenkonnte, und dessen lückenlose Kenntnis nur eine Frage der Zeit war.

Für die Westeuropäer, denen dieses Licht zuerst aufging, bedeutet vonnun ab die Erde nichts mehr als ein Beutestück, von dem jede Nation einenmöglichst großen Teil für sich zu erlangen bestrebt war. Das Zeitalter derEntdeckungen, das man mit dem 15. Jahrhundert beginnen läßt, ist rechteigentlich das Zeitalter der Eroberungen; in ihm raufen sich dieeuropäischen Nationen um die neu entdeckte Beute.