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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Mit dem 18. Jahrhundert beginnt das Zeitalter der Erforschun-gen, wie die Geographen es nennen 152 ), das heißt die Erkundung der Erdezu wissenschaftlichen (Erkenntnis-)Zwecken auf der Grundlage systemati-scher, zuverlässiger Beobachtungen, die einzelne Forschungsreisende alleinoder in Gemeinschaft mit anderen durchführen. Eingeleitet worden wardiese Epoche durch die Reisebeschreibungen, die, wie wir wissen, seit dem17. Jahrhundert beliebt wurden und in den Anfängen gern aus den Händenfrommer Missionare hervorgingen. Reisewerke wie die von ReinholdF o r s t e r, P a 11 a s u. a. aus dem Ende des 18. Jahrhunderts tragen bereitseinen mehr wissenschaftlichen Charakter. Aber der Begründer der strengenMethode der Erderkundung ist doch AlexandervonHumboldt, nochheute das unerreichte Vorbild des wissenschaftlichen Forschungsreisenden,dessen Reiseberichte wir immerdar mit wärmster Anteilnahme lesen unddie in ihrer Frische und Ursprünglichkeit uns anmuten, als wären sie gesterngeschrieben; geschrieben vom lieben Herrgott, der seine ihm ach! so vertrauteSchöpfung gleichsam revidierend durchschreitet.

So ist denn jetzt der Mensch in alle Winkel und Gelasse des Gebäudeseingedrungen, das ihm als Wohnraum bestimmt ist; hier gibt es nichts mehfzu erkunden; höchstens kann man noch auf die Gipfel des Himalaya odereine andere Wand an einem schon bestiegenen Berge in die Höhe klettern.

Der extensiven Erkundung der Erde entspricht die intensive Erforschungihrer Beschaffenheit. Die Erdkruste und das Meereswasser werden bis in ihregrößten Tiefen durchforscht, die Atmosphäre und die Luftschichten darüberhinaus werden abgetastet. Steine und Pflanzen und Tiere und Menschenwerden registriert und katalogisiert. Ja was das Ärgste ist ihr geheim-stes Leben wird rücksichtslos entschleiert mittels eines grausamen Instru-ments, das sich Kamera nennt, und wird dem p. t. Publico allabendlich fürRM. 0,80 im Lichtspieltheater, wöchentlich für RM. 0,20 in ungezähltenBilderzeitschriften zur Schau dargeboten.

Andere wieder erforschen die Zusammensetzung der toten Stoffe, die sichauf unserer Erde vorfinden.

Kurz alles und jedes auf der Erde und am Himmel wird auf irgendeineWeise, durch irgendein kunstvolles Verfahren, das der Geist in seinen Muße-stunden ausgeklügelt hat, dem neugierigen Auge des Menschen erschlossen;und bald wird die Zeit kommen, in der wiralles wissen, was am Himmelund auf der Erde vor sich geht. Die Natur bietet dem menschlichen For-schungsdrang bald kein Geheimnis mehr. Sie ist von seinem Wissen baldvöllig unterjocht.

Und was wird nachher kommen? Was werden die Akademien dann heraus-geben und unterstützen? Was wird man dann dem lesewütigenPublikum