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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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in die Raufe werfen, damit es satt werde? Schon jetzt stellt sich offenbargelegentlich ein Mangel an Futter ein. Denn viele der Mitteilungen angeblichwissenswerter Dinge betreffen schon jetzt recht läppisches Zeug.

In welchem Umfange die Menschen bis heute faktisch-praktisch von derErdoberfläche Besitz ergriffen, das heißt also sie besiedelthaben 153 ), lehrt die Zahl der Menschen, die auf der Erde leben; ich habe siebereits mitgeteilt, sie beträgt im Augenblick rund zwei Milliarden.

Hat sich diese Bevölkerung allmählich in gleichem Schrittmaße über dieErde verbreitet, oder ist die Besiedelung in unregelmäßigem Fortgangeerfolgt?

Es gab eine Zeit und sie liegt noch gar nicht so lange zurück, danahm man an, daß einst die Erde viel mehr Menschen getragen habe, unddaß sie sich in unserer Zeit rasch entvölkerte.

Von dem englischen Bischof R. Cumberland, der die Zahl der Men-schen, die 340 Jahre nach der Sintflut auf der Erde lebten, auf 3 Ya Milliardenschätzte, habe ich schon berichtet. Er stand aber mit seinem Glauben an diegroße Menschenzahl in früherer Zeit keineswegs allein. Es war vielmehr dieallgemeine Meinung, daß sich die Zahl der Menschen auf der Erde unaus-gesetzt vermindere. Sie vertrat z.B. Pufendorf in seiner Introductionä lhistoire Universelle (Deutsch 1682), ihr huldigte Montesquieu , derin der 112. Lettre persane sein Entsetzen ausdrückt über die rasch fort-schreitende Entvölkerung der Erde, die seines Erachtensaprös un calculaussi exact quil peut lötre dans ces sortes de choses heute höchstensnoch ein Zehntel der Menschen ernährt, die einst auf ihr gelebt haben.Cequil y a dötonnant, cest quelle se depeuple tous les jours, et si cela continue,dans dix siöcles eile ne sera plus quun desert. Voilä, mon eher Usbeck, laplus terrible catastrophe qui soit jamais arrive dans le Monde.

(Nebenbei bemerkt: in jener Zeit blieb kritisch nur Voltaire, der inseiner AbhandlungDe la population schreibt:Le genre humain nediminue ni naugmente comme on le croit.)

Noch im 19. Jahrhundert begegnen wir ganz phantastischen Vorstellungenüber den früheren Reichtum an Menschen auf der Erde.

Ein interessantes Beispiel dieser mythischen Bevölkerungsstatistik bieten dieAusführungen des Grafen G o b i n e a u , der sich über diesen Punkt wie folgtausläßt:Wenn wir den Blick auf die alten Zeiten werfen, so gewahren wir,daß die Erde damals ganz anders von unserer Gattung erfüllt war, als heute.China hat nie (!) weniger Einwohner gehabt als gegenwärtig; Centralasien warein Ameisenhaufen und man findet dort niemand mehr. Das Skythenland warnach Herodots Aussage voller Völker und Rußland ist eine Wüste. Deutsch-land ist mit Menschen wohl versehen; aber es war dies im dritten, vierten und