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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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fünften Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht minder, als es ohne sich zuerschöpfen Meere von Kriegern, gefolgt von ihren Frauen und Kindern, über dierömische Welt ergoß. Frankreich und England erscheinen uns weder leer nochunbebaut; aber Gallien und Großbritannien waren es ebenso wenig zur Zeit derkymerischen Auswanderung. Spanien und Italien besitzen nicht mehr den viertenTeil der Menschen, die sie im Altertum bevölkerten, Griechenland, Ägypten ,Syrien, Kleinasien, Mesopotamien waren überfüllt von Menschen; die Städtedrängten sich daselbst so reich an Zahl wie Ähren auf dem Felde; jetzt sind esTodeseinöden, und auch Indien, wiewohl noch volkreich, ist in dieser Beziehungdoch nur noch sein eigener Schatten usw.

Für Gobineau war die Bevölkerung in der alten Zeit eine notwendige Vor-aussetzung seiner Geschichtsphilosophie, sofern er an die stetige Verminderungder Menschenzahl die Hoffnung knüpft: das Menschengeschlecht werde schließlichaussterben:so hält das Hinschwinden der Menschheit gleichen Schritt mit ihremSinken..denn eine Seitenwirkung der ins Unendliche fortgesetzten Mischun-gen ist die, daß sie die Völker auf immer kleinere und kleinere Ziffern herab-bringen. Ungleichheit der Rassen; deutsch von Schemann; 4, 320f.

Daß derartige Annahmen einer unermeßlichen Menschenmenge in frühererZeit unsinnig sind, können wir heute mit Hilfe sachlicher Erwägungen (dieman früher auch schon hätte anstellen können), und auch mit Hilfe verein-zelter statistischer Feststellungen (die erst im kritischen 19. Jahrhundertgemacht worden sind), nachweisen. So kennen wir beispielsweise die Ein-wohnerzahl des römischen Reiches beim Tode des Augustus: sie betrug 54Millionen und sind auch sonst über die Bevölkerungsziffern einiger Länderder Antike leidlich gut unterrichtet: siehe die Quellen Anm. 102.

Eine Statistik der gesamten Bevölkerung der Erde, dieauch nur einigen Anspruch auf Zuverlässigkeit erheben könnte, besitzenwir jedoch vor dem 19. Jahrhundert nicht. Die erste Zusammenstellung undSchätzung jener Bevölkerungsziffer liegt jetzt etwa 100 Jahre zurück; zu-verlässigere Angaben besitzen wir dann aus der Zeit vor etwa 50 Jahren,so daß wir, mit einiger Aussicht, der Wirklichkeit nahe zu kommen, Ver-gleiche zwischen der Bevölkerung der Erde gerade vor 100 und vor 50 Jah-ren mit der von heute anstellen können. Sie führen zu der Erkenntnis, daß- ganz im Gegensatz zu der Annahme der obengenanntenBevölkerungs-statistiker die Bevölkerung der Erde jedenfalls in unserer Zeit, in einererschreckend raschen Zunahme begriffen ist: sie hat sich horribile dictu,in dem letzten Jahrhundert mehr als verdoppelt, vielleicht sogar verdreifacht.

Dieses sind die Ziffern:

Vor rund 100 Jahren beruhten die Feststellungen zu einem überwiegendenTeile noch auf Schätzungen. Die Annahmen der Gesamtziffern schwankenzwischen 737 Millionen (1826: Bai bi), 850900 Millionen (1840: Ber-noulli) und 1040 Millionen (1838: Statistischer Almanach). Davon rechnete