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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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der Han-Zeit, das griechische in der Zeit der Perserkriege, das römische imZeitalter der Szipionen, haben die westeuropäischen Völker in der Zeit desMittelalters, vielleicht auch noch einmal im 17. und an einigen verstecktenOrten im 18. Jahrhundert erreicht.

Wenn dann über diese Blütezeit hinaus die Vergeistung immerweiter zunimmt und die Seele der Menschen zu ersticken und zu zerfressenbeginnt, so tritt das ein, was wir eine Entseelung nennen und mit ihr eineDisharmonie zwischen Natur und Geist. In dem Maße insbesondere, wieder Mensch sich mit Kunstgebilden an der Stelle lebendiger Organismenumgibt und sich in den Dienst geistiger Systeme stellt, verliert sein eigenes-Leben den Rhythmus: der Mensch kennt nun nicht mehr Tag und Nacht,nicht mehr Sommer und Winter, nicht mehr Himmel und Erde, nicht mehrArbeit und Ruhe, nicht mehr Alltag und Festtag in ihren belebenden Gegen-sätzen: er wird selbst ein Kunstwerk, ein Automat mit künstlichem Getriebe.,was sich bis in seine körperliche Haltung erstreckt (Sport).

Aber nicht nur die Naturhaftigkeit des Menschen und damit der Rhythmusseines Lebens werden immer mehr zerstört, sondern auch und das ist dasSeltsame und Eigenartige dieses Vorgangs auch seine persönliche Geist-haftigkeit verliert je mehr und mehr an Gehalt. In je größerem Maße derGeist sich objektiviert, desto mehr entflieht er aus dem Menschen, dessengeistige Funktionen die von ihm geschaffenen Geistgebilde übernehmen. Dersubjektive Geist wird gleichsam ausgeschaltet, wird überflüssig.

Der moderne Mensch bedarf in immer geringerem Ausmaße der intellek-tuellen Fähigkeiten, die der Apparat ersetzt: im Geschäftsleben das Be-triebssystem, im politischen Leben die Partei oder der Staat, in den freienStunden die Zeitungen, die Zeitschriften, die Lichtspieltheater, die entwedergar keine Gedanken oder die allerprimitivsten erheischen. Das Gefühls-leben schwindet in der Großstadt mit ihremBetriebe langsam dahin. DieWillensentschlüsse werden dem Menschen mehr und mehr abgenommendurch die äußere Regelung seines Lebenslaufes: in Stunden, Tagen, Wochen,Jahren tut er mechanisch, was die andern tun: Babbit! Die Technik nimmtihm die letzte Initiative ab, indem sie im Hause und auf der Straße gleich-sam selbsttätig funktioniert: selbst die Handgriffe auf dem Motorrade undam Steuer des Automobils auf den geraden Automobilstraßen werdenmechanisch, bis zu einem Grade, bei dem man schließlich einen Affen dazuabrichten kann, sie auszuüben.

So kehrt der Mensch in einen Zustand der Primitivität und Animalitätzurück, in den ihn seltsame Ironie! seine übersteigerte Geistigkeitversetzt hat.

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