der Völker muß also in der Frage gipfeln: wann zuerst eine ras-sistische Betrachtungsweise beliebt worden ist
Im klassischen Altertum konnte der Rassegedanke und im weiteren Sinneder Völkergedanke nicht in die Geschichts- und Gesellschaftsbetrachtungeindringen, weil die gesamte Einstellung des Geistes einer Einteilung derMenschen nach ethnischen Merkmalen ausschloß: Der Athener oder Spar-taner war ein politischer, der Grieche ein Kultur-, genauer: ein Bildungs-begriff; der Römer wiederum ein politischer Begriff. Was hätte das Imperiummit dem Rassebegriff anfangen sollen?
Im christlichen Mittelalter waren die Menschen Gotteskinder und alssolche einander gleich. Interesse bot nur die Idee des Menschen, nichtdessen zufällige Gestalt.
Aber auch, als man, wie wir feststellen konnten, in der neueren Zeit schonden Sinn für die Verschiedenheit der Völker geweckt hatte, waren dieäußeren und inneren Wandlungsvorgänge, denen diese unterworfen sind,doch noch lange nicht Gegenstand einer realistischen historischen Betrachttung geworden.
Wenn wir die Geschichtsschreibung des 18. und des beginnenden 19. Jahr-hunderts überblicken, so finden wir, daß die Behandlung, die man den Völ-kern zuteil werden ließ, ein sehr verschiedenes Gepräge trug.
Solange die französisch-englische Aufklärung die Geister beherrschte,stand das geschichtliche Denken im Zeichen des Menschheitsgedankens,dem eine evolutionistische Betrachtungsweise entsprach. Danach verläuftdie Entwicklung der Menschheit einheitlich für alle Menschen und Völker:vom Naturzustände über den Zustand der Wildheit und Barbarei bis zumZustande der Zivilisation. Alle Menschen haben dieselbe Fähigkeit derVervollkommnung — der PerfectibilitA Etwaige Verschiedenheiten in denKulturen der Völker stellen immer nur Gradunterschiede der Entwicklungdar oder sind durch die äußere Lage bedingt. Die einzelnen Völker galtensomit als Wahrzeichen eines bestimmten Entwicklungsstadiums und wurdenausschließlich als Träger bestimmter äußerer Kulturformen gewertet: Daherdie Neigung, Geschichten der Sitten und Gebräuche, der moeurs et coü-tumes, der Völker zu schreiben, wie sie zuerst Voltaire entworfen hatte.Feiner veranlagte Geister wollten dieses Studium nur auf die Kulturvölkerbeschränken, da die Kenntnisnahme von den Zuständen roher Völker dochkein Interesse bieten könne. Diesen Standpunkt vertrat z. B. DavidHu me in seiner prächtigen Geschichte Englands. Er meinte: „the adven-tures of barbarous nations, even if they were recorded, could afford littleor no entertainment to men born in a more cultivated age“. Seine not-