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dürftigen Feststellungen der Ureinwohnerschaft Englands schließt er mitden Worten: „Wir wollen nicht eintreten in die Details eines so uninter-essanten Gegenstandes“ (we shall not enter into any detail on so uninterest-ing a subject 167 ).
Als man dann, namentlich in Deutschland , in der Hamann-Herder-Zeit, den Eigenwert der Völker entdeckte, trug das Interesse, das mandiesen entgegenbrachte, im wesentlichen doch ein romantisches, literarisch-idealistisches Gepräge: man fing an, sich gerade auch für primitive Völkerzu erwärmen und in allen Völkern für das Primitive; man suchte den beson-deren Volksgeist, die Volksseele zu ergründen, wie man sie in Volksliedernund Volksgebräuchen, namentlich in der Sprache erfassen zu könnenglaubte.
„Diese auf die Charakteristik des Völkergeistes hinzielende Sprachwissen-schaft wird ein neues Mittel der Geschichtsforschung, ja die bedeutendsteGrundlage zu einer höheren (!) Auffassung der Geschichte überhaupt, der-jenigen Auffassung, die die Schicksale der Völker nicht nur von ihren phy-sischen Lebensquellen und den äußeren Begebenheiten abhängen läßt, son-dern geradezu auf die Eigentümlichkeit ihres Geistes und Charakters, derenglückliche und gesamte Entfaltung gründet. Der Urheber dieser höherenAuffassung der Geschichte, der erste systematische Begründer der Kultur-geschichte (!) ist Wilhelm von Humboldt 168 ).“
Das war so recht die Stimmung, aus der heraus die Gestalten der Hegel-schen „Völker“ erwachsen konnten, in denen das Volkstum gleichsam imgasförmigen Zustand, als Idee erscheint und alle Konkretheit abgestreifthat. Eine nicht viel andere Form nehmen sie aber auch in der unterRankes Einfluß sich entwickelnden deutschen Geschichtsforschung an.Rankes Erstlingswerk trägt zwar den Titel: „Geschichte der romani-schen und germanischen Völker“, aber von leibhaftigen, realen, konkretenVölkern, die aus lebendigen Menschen mit Fleisch und Blut bestehen, er-fährt man darin recht wenig. In der Ranke sehen Denkweise, die auflange Zeit die deutsche Geschichtsschreibung beherrscht, ist es vor allemder Staat, der die Völker aufsaugt.
Nein: das Interesse an dem Dasein und der Natur der realen Völker ent-wickelt sich an einer ganz anderen Stelle: nicht in den Studierstuben derGelehrten, sondern auf dem Kampffelde der Politik. Hier war es, wo, vorallem in Frankreich , jenes Interesse erwachte, und zwar im Anschluß andie Frage nach dem ethnischen Ursprung der verschiedenen Stände, vorallem des Adels. Diese Frage, die unter der Bezeichnung des Franco-Gallia-Problems bekannt ist, hat vier Jahrhunderte lang die Gemüter beschäftigtund ist heute noch nicht entschieden, die Frage: ob Frankreichs Kultur