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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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bereich allmählich aus, um lange Zeit in vollem Umfange weiterzubestehen,bis auch sie ihr Geschick erreicht und sie plötzlich oder allmählich ver-schwinden und andern Staatsvökern an ihrer Stelle Platz machen: mandenke an das Schicksal so vieler Völker der alten Welt, an das Schicksal:des Populus Romanus selbst; in der neueren Zeit an die Geschichte desspanischen, schwedischen, polnischen oder preußischen Volkes. Es hießeStaatengeschichte treiben, wollte ich diese Bewegungen im einzelnen ver-folgen. Eine sehr anschauliche Zusammenstellung enthält das Buch vonG. Glockemeier, Werden und Vergehen von Staaten. 1923.

Neben der Beeinflussung durch die Staatenbildung erweisen sich die-beiden andern Faktoren der Größenbildung der Völker beim Staatsvolkebenfalls in voller Wirksamkeit: die geographische und die natürliche Be-völkerungsbewegung.

Manche Staatsvölker sind zu einem beträchlichen Teil durch Einwande-rung groß geworden: die Vereinigten Staaten von Amerika, oder durch Aus-wanderung verkleinert: die meisten europäischen Staaten im 19. Jahr-hundert (in denen freilich die entstandenen Lücken durch den natürlichenBevölkerungszuwachs rasch ausgefüllt sind).

Diese natürliche Bevölkerungsbewegung, also das Verhältnis der Ge-burtenfälle zu den Sterbefällen, hat dann überhaupt den wichtigsten Anteilan der mengenmäßigen Beschaffenheit des Volks, und zwar für Staats- wieSprachvolk gleichermaßen.

Daß hier große Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern bestehen,habe ich oben (Seite 220 ff.) gezeigt.

Leider besitzen wir vergleichbare Bevölkerungsziffern nur für die neuereZeit, und zwar nur für Europa. Diese erweisen eine fast allgemeine Tendenz,zur Vergrößerung der einzelnen Volkskörper. Eine erweiterte Kenntniswürde uns vermutlich zu andern Zeiten und an andern Orten ebenso eineAbnahme der Bevölkerungszahl wahrnehmen lassen. So scheint das grie-chische Volk im 3. und 2. Jahrhundert vor Christi Geburt, das römische im2., 3. und 4. Jahrhundert nach Christi Geburt sehr beträchtlich zusammen-geschrumpft zu sein.

Die europäischen Völker, ebenso wie Rußland, weisen wohl die niedrig-sten Ziffern im frühen Mittelalter auf und wachsen seitdem mit ganz,geringen Rückschlägen in einzelnen Ländern: schwarzer Tod 1348! dreißig-jähriger Krieg in Deutschland! beständig an.

Ich habe die Gesamtzahlen für die europäische Bevölkerung bereits mit-geteilt (siehe Seite 328 f.) und füge hier die Ziffern hinzu, aus denen dieZunahme der Bevölkerung in den einzelnen Ländern also das Wachsender Staatsvölker oder geographisch einheitlicher Gruppen ersichtlich ist.