Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
349
Einzelbild herunterladen
 

349

seine fruchtbare Wirksamkeit auch im Umkreise der geistwissenschaftlichenForschung zu erweisen.

In den beiden folgenden Kapiteln wird versucht, einen bescheidenen Bei-trag zu solcher wissenschaftlichen Verwertung des Rassegedankens bei-zubringen.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Die Elemente der Völkerbildung

I

Elemente der Völkerbildung will ich diejenigen Urbestandteile nennen,aus denen ein Volk be- oder entsteht. Sie tragen ein doppeltes Gepräge,wie bei jedem geistig-körperlichen Gebilde: sie sind teils stofflicher, materi-eller, teils formaler, ideeller Art: jene bauen auf, diese gestalten.

Unter dem Stoff des Volkes verstehe ich das Insgesamt von Leibern undSeelen, also von lebendigen Individuen, die dasjenige bilden, was wir ineinem übertragenen Sinne den Volkskörper nennen können, mitsamtder Natur, in der sie leben.

Dagegen bestehen die Elemente geistiger Art aus den Ideen, die diemenschliche Kultur ausmachen und die die Volksgestalt bilden, wieReligion, Staat, Sprache u. a.

Wir betrachten in den folgenden beiden Unterabschnitten zunächst dieEntstehung und Ausbildung des Volkskörpers in mengen- und artmäßigerBeziehung, sodann den Vorgang der Volksgestaltung.

II

Drei Möglichkeiten bestehen, die Größe des Volkskörpers zubeeinflussen:

die natürliche Bevölkerungsbewegung: Geburt und Tod;die Wanderbewegung;die Politik.

Dabei müssen wir Staatsvolk und Sprachvolk (das Grundvolk kommt beiden folgenden Ausführungen nicht in Betracht) unterscheiden, denn die Be-dingungen, unter denen sie wachsen, verkümmern und verschwinden, sindverschiedene.

Für die Entwicklung des Staatsvolks stehen offenbar alle drei Möglich-keiten der Expansion und Kontraktion offen. Die wichtigste unter ihnen istdie Politik: dadurch, daß Staaten entstehen, sich ausweiten, einschrumpfenund vergehen, entstehen und vergehen die Staatsvölker. Es ist ein bewegtesBild, das uns das Auf und Ab der Staatsvölker bietet oft steigen sie insteiler Kurve auf, um plötzlich abzusinken, bald weiten sie ihren Daseins-