Fragen wir nun, in welcher Weise sich der Volkskörper artmäßig(qualitativ) bildet, so sind die Anfänge alles Volkstums wohl für immerin undurchdringliches Dunkel gehüllt. Denn diese Anfänge knüpfen ja un-mittelbar an den Ursprung des Menschen an, der, wie wir wissen, nur demmythischen Denken sich erschließt. So werden wir uns damit begnügenmüssen, einige Möglichkeiten solcher Anfänge zu erwägen.
Unter den Modalitäten der Menschwerdung begegnete uns das Problem:ob die Erschaffung des Menschen in einem oder in mehreren Paaren erfolgtsei. Daß wir niemals werden entscheiden können, ob der eine oder derandere Fall zutrifft, auch jetzt und in aller Zukunft nicht, nachdem wirschon ganze Reihen angeblich primitiver Menschenreste aufgefunden habenund — meinetwegen Zehntausende von vollständigen Menschenskeletten —in der Zukunft noch auffinden werden, das bleibt natürlich bestehen (denk-notwendig), aber wir können an die Alternative: Mono- oder Polygenismus,-unsere Betrachtungen anknüpfen über die mögliche Entstehung der Völker.Diese Betrachtungen laufen dann so: Falls es einmal nur ein Menschenpaarauf der Erde gegben hat, so sind sämtliche Menschen durch Filiation vondiesem einen Paare und somit die verschiedenen Gruppen unsprünglich zu-sammenhaltender Menschen — nennen wie sie Familien, Sippen, Horden,Stämme oder sonstwie — durch Abspaltung von einem ursprünglich einheit-lichen Paare entstanden, sind also gleichen Blutes, gleichen Samens.
Im andern Falle haben sich von vornherein verschiedene in sich, abernicht unter sich blutsverwandter Gruppen gebildet, die je von einem beson-deren Paare abstammten. Das sind nach den Einen wenige, nach andernviele, nach einem Forscher (L. Gumplowicz) „unzählige“ — sage 1000 —gewesen.
So bedeutsam aber auch der Unterschied der Meinungen in diesem wich-tigen Punkte zu sein scheint: für die Frage der Völkerentstehung läuft esauf dasselbe hinaus, ob die Menschen von einem, von einigen oder von vielenPaaren abstammen. Denn offenbar ist der Verlauf der Dinge dieser: injedem Falle entwickelten sich erst die verschiedenen Haufen, aus denennachher die Völker hervorgingen zu unterschiedlichen, aber in sich gleich-artigen Varietäten der Spezies homo, die wir etwas ungenau „Rassen“ zu,nennen gewohnt sind.
Solche rassenmäßig verschiedenartigen Gruppen dürfen wir — mit einigerVorsicht — bereits in der Eiszeit vermuten. Jedenfalls lehrt uns die paläon-tologische Forschung, daß schon in der Diluvialzeit der Mensch einer Auf-teilung in besonderen Varietäten unterworfen war. Für die Feststellungbestimmter „Rassen“, also von Gruppen gleichgearteter Individuen ist aller-dings das Material zu gering, mit dessen Hilfe man immer nur Einzelindivi-