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nicht meinen, daß es jemals in sich völlig einheitliche (isogene) Bevölke-rungen gegeben habe. Auch die relativ ,reinsten 1 Rassen sind immer nochaus einer großen Zahl verschiedener Erbstämme zusammengesetzt. EineRasseneinteilung geht daher niemals glatt auf; sie bleibt immer bis zueinem gewissen Grade willkürlich.“ 174 )
Man wird sich — denke ich — mit groben Unterscheidungen auch für diefrüheste Zeit begnügen müssen, so daß man für das Neolithikum etwa eineallgemein-nordische und eine ältere autochthone europäische „Rasse“ odermindestens europäide, negroide und mongoloide geartete Gruppen vonMenschen mit allen erdenklichen Vorbehalten wird gelten lassen können-Daß dagegen etwa die verschiedenen „Kulturen“, die wir in der Stein-und Bronzezeit zu unterscheiden gewohnt sind, wie die Megalith-Kulturoder die Latene-Kultur oder die Hallstadter Periode oder auch die weiterenKreise der Band- oder Schnurkeramischen Kultur rassenmäßig begründetgewesen wären, dürfen wir nicht annehmen. Jedenfalls belehrt uns einerder besten Kenner der Vorgeschichte über diesen Punkt wie folgt: Selten-wird sieh für eine geschlossene Kultur auch ein geschlossener Menschen-typus ergeben. Bei Wanderungen werden sich immer neue Elemente an-schließen und am Ende kommt ein vielseitiges Gemisch heraus, „in dem-,die ersten im besten Falle noch die Führung haben...“ „gerade bei solchererobernden Ausbreitung wird immer die Rassengemeinschaft zurücktretenhinter der Volksgemeinschaft. Durch den kräftigsten Willen werden dieverschiedenen Arten einer festen Lebens- und Wirkungsform zusammen-geschlossen. Wie in der späteren Geschichte immer der Staat sich als die-schicksalsbestimmende Einheit darstellt, nicht die Rasse, so haben wir es.auch schon für die Vorgeschichte anzunehmen. Die einheitliche Kultur,die wir da oft mit ganz bestimmten Grenzen erkennen, bezeichnen Völker,,nicht Rassen.“ 17 ®)
Für die Lehre von der Volkswerdung ist übrigens die Streitfrage, ob esüberhaupt einmal rassereine Mensch-kollektive gegeben habe, belanglos,da die „reinen Rassen“ im Volke doch bald verschwunden sein würden.
Nehmen wir also immerhin als den Ausgangspunkt der Völkerbildungeine Mehrheit von rassereinen Stämmen an, so besteht nun eben die weitereEntwicklung — damit treten wir schon in das Zwielicht der „vorgeschicht-lichen“ Zeit, sage des Neolithikum ein, in die uns die eben zitierten WorteSchuchhardt’s schon hineingeführt hatten — zweifellos in einer Zu-sammenballung dieser kleinen Gruppen zu größeren Einheiten, die wir alsdie ersten Völker ansprechen dürfen. Sei es, daß die Vereinigung auf fried-lichem Wege — durch Wanderkameradschaft — sei es, daß sie auf kriege-rischem Wege — durch Eroberung zustande gekommen war.