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(Daß die „Raubtiere“ zugleich die „geborenen Organisatoren“ waren, isteine etwas gezwungene Vorstellung, aber man darf es bei Nietzsche nicht so genau nehmen.)
An den Namen Nietzsche knüpft sich die Theorie des „Übermenschen“.Diese ist aber zu einem beträchtlichen Teile ebenfalls eine Völker-Aufstiegs-theorie in dem hier gemeinten Sinne; nur daß der von Nietzsche geschilderte Aufstieg der Menschheit nicht am Anfang, sondern am Endeder Tage liegt.
Leider hat Nietzsche seine Theorie nirgends im Zusammenhänge undmit logischen Gründen entwickelt. Wenn wir die gelegentlichen Apercus(die sich am reichlichsten im „Willen zur Macht“ finden) zusammenstellen,so ergibt sich etwa folgendes Bild: die Menschheit, das heißt die europäischeMenschheit (an die Nietzsche wohl allein denkt) wird zunächst durchPanmixie zu einer einheitlichen Masse umgeformt werden. Aus dieser Massewerden dann die sehr wenigen „blonden Bestien“ emporsteigen, die die„Übermenschen“ sind. Sie sind berufen, über die breite Masse zu herrschenund diese als den Schemel für ihre Füße zu betrachten. W i e diese Elitesich aus der Menge entwickeln soll, verrät uns Nietzsche leider nicht,seiner ganzen Auffassung nach wird es sich nicht um zoologische Züchtungs-vorgänge, sondern um sittliche Entscheide handeln, die wir uns — abermalsleider — im Nietzsche sehen System nicht recht vorstellen können, nach-dem der Autor in ganzen Büchern sich bemüht hat, den freien Willen alsChimäre zu entlarven. Aber was uns hier mehr als die Herausbildung derherrschenden Elite interessiert, ist die offenbar automatisch sich vollziehendeUmwandlung der übrigen Menschheit zu geeigneten Trägern jener wenigenTyrannen. Diese Umwandlung wird, wie schon angedeutet, durch allseitigeVermischung erfolgen und gerade in dieser Vermischung erblicktNietzsche das Heil: durch sie wird dasjenige erzeugt, was er „Rassen“nennt und was erst Kulturen erzeugt.
„Es gibt wahrscheinlich keine reinen, sondern nur reingewordene Rassen
und diese in großer Seltenheit_ Die Reinheit ist das letzte Resultat von
zahllosen Anpassungen, Einsaugungen und Ausscheidungen“ („Morgenröthe“,Seite 239 ff.). Als Muster einer „reingewordenen“ Rasse werden die Griechenangeführt. Und ein Seitenstück zu den Griechen soll die europäische Zu-kunftsrasse bilden. Er meint: „Hinter all den moralischen und politischenVordergründen vollzieht sich ein ungeheurer physiologischer Prozeß, derimmer mehr in Fluß gerät, der Prozeß der Annäherung der Europäer: Europa will eins werden“ („Jenseits von Gut und Böse “, Seite 198 ff.; 220 ff.). DieHauptrollen bei dieser Umschmelzung ist den Deutschen und den Juden zu-gedacht. Die demokratische Idee läuft zwar „auf die Erzeugung eines zur