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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Diesen Naturschwärmern traten unsere Klassiker mit ihrer gereiften Er-fahrung gegenüber und lehrten sie den Geist als wesentlichen Mit-Gestalterder menschlichen Persönlichkeit wieder schätzen.

Die Natur kann nicht wohl anders als sinnliche Vorzüge erteilen. EinMaximum solcher sinnlichen Vorzüge istdas Genie, zunächst ein bloßesNaturerzeugnis.Wie der architektonischen Schönheit... ergeht es auch demGenie, wenn es sich durch Grundsätze, Geschmack und Wissenschaft zustärken verabsäumt. War seine ganze Ausstattung eine lebhafte undblühende Einbildungskraft... so mag es bei Zeiten darauf denken, sichdieses zweideutigen Geschenks durch den einzigen Gebrauch zu versichern,wodurch Naturgaben Besitzungen des Geistes werden können; dadurch,meine ich, daß es der Materie Form erteilt; denn der Geist kann nichts, alswas Form ist, sein eigen nennen. Durch keine verhältnismäßige Kraft derVernunft beherrscht wird die wild aufgeschossene, üppige Naturkraft überdie Freiheit des Verstandes hinauswachsen und sie ebenso ersticken, wiebei der architektonischen Schönheit die Masse endlich die Form unter-drückt. In diesen Worten lehrte S c h i 11 e r 268 ) wieder die alte Wahrheit,die Goethe in die bekannten Verse faßte, die er den Romantikern insStammbuch schrieb:

Vergebens werden ungebundene GeisterNach der Vollendung reiner Höhe streben.

In der Beschränkung zeigt sich erst der MeisterUnd das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Und dabei ist es geblieben und muß es bleiben.

Ein Wandel ist in der neueren Zeit dadurch eingetreten, daß die Menschengelernt und gewagt haben, in den natürlichen Gang der menschlichen Ent-wicklung selber einzugreifen und Einflüsse, die sie für schädlich halten (Erb-krankheiten) auszuschalten. Damit ist die Sphäre des freien Willens um einkleines Stück erweitert worden. Über die Erfolge dieser Bestrebungen, dieman Eugenik nennt, läßt sich zur Zeit noch kein Urteil fällen. Immer abermüssen wir der Wahrheit eingedenk bleiben, daß derartige Korrekturen derNatur das Werk des eigentlichen Aufbaus der menschlichen Persönlichkeitnicht berühren: dieses wird immer nur in der geheimnisvollen Durchdringungdes Menschen mit dem Geiste sich vollenden: erst durch sie entsteht derMensch. Alles biologische ist immer nur Zutat.

So hat uns eine Übersicht über den Aufbau der menschlichen Persönlich-keit zurückgeführt zu unserem Ausgangspunkt: sie hat uns die Eigenart desMenschen im Werden gezeigt, so wie wir sie dort im ruhenden Zustande er-kannt hatten.