Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
430
Einzelbild herunterladen
 

430

Die Erfahrung lehrt uns vielmehr, daß Geist und Natur gleichmäßig am:Aufbau der Persönlichkeit beteiligt sind; daß aber der Geist die Grenzen,seiner Macht an den Bedingungen findet, die in der menschlichen Naturgegeben sind. Beispielsmäßig:es können keine Pestalozzischen Erziehungs-kunststücke aus einem geborenen Tropf einen denkenden Menschen bilden:nie! er ist als Tropf geboren und muß als Tropf sterben 204 ). Oder:keineMacht der Welt wird aus einem schwächlichen, apathischen, zerstreuten,furchtsamen und passiven Kinde einen energischen Mann, eine kraftvolle,kühne Führernatur machen. (Carre 1.) Oder: aus einem Trampel kann kein-graziöser Tänzer werden, schön singen werde ich nicht lernen können, wenn,ich nicht die geeignete Kehle habe, und einen guten Reiter werde ich nichtabgeben, wenn ich nicht das nötige Hosenbodengefühl besitze 205 '!.

Die Erfahrung lehrt uns aber ebenso, daß der menschliche Wille die Naturin weitem Umfange beeinflussen, daß er Anlagen zerstören oder entwickelnkann, und daß somit der Geist ein weites und freies Feld hat, Wissen undStreben der menschlichen Persönlichkeit einzuflößen und sie dadurch nach,seinem Belieben zu lenken und zu leiten.

Die Natur ist beeinflußbar innerhalb gewisser Grenzen: das ist derWeisheit letzter, höchst trivialer Schluß.

Ihn hatten die Alten schon gezogen und in vielen Sentenzen und Sprich-wörtern ausgesprochen 200 ); ihn machen sich die Männer der Renaissance zu:eigen, die über die Beziehungen zwischen Geist und Natur oder über Er-ziehung insbesondere schreiben 207 ); und bei ihm verharren alle verständigenErzieher und Bildner der Menschheit bis zum heutigen Tage. Dabei habendie Gegensätze in der Auffassung sich immerfort abgelöst und immer wie-der ist die eine Macht auf Kosten der andern überwertet worden, bis da&Gleichgewicht wiederhergestellt war.

Das 18. Jahrhundert brachte den Höhepunkt des Erziehungswahns, desGlaubens an die grenzenlose Perfektibilität des Menschen, eines Glaubens,dem selbst ein Friedrich in seiner Jugend verfallen war, als er an seinenLehrer Duhan folgende Worte richtete( unter dem 2 . 10. 1736):

Euch dank ich alles, laßt es mich bekunden,

Und wenn an mir so manches gut gefunden,

So schuld ichs, guter Duhan, Euch allein.

Dann kam die Zeit des Sturmes und Dranges, die in der Romantik nocheinmal zu voller Blüte sich entfaltete: eine Zeit, in der alles der Naturanlage,vor allem demGenie, zugeschrieben wurde.