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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung

visten eilten herbei, um die schwachen Friedensstämme einigermaßen auf-zufüllen. Pferde wurden beschafft, auch ein, allerdings schwerfälliger,Troß aus Bauernfuhrwerk gebildet. Die Armee 15 000 Gewehre,2200 Reiter, 52 Geschütze gliederte sich iu 4 Brigaden, 1 Reserve-kavalleriebrigade und die Reserveartillerie. Eine verhängnisvolle Maßregelwar die Neubesetzung aller höheren Stellen. Oberbefehlshaber wurdeGeneral v. Arentschild, Oberst Cordemann sein Stabschef. Zum General-adjutanten ernannte der blinde König den Oberst Dammers. Die Mei-nungen über das, was geschehen sollte, gingen sehr auseinander. Manerwog hin und her den Abmarsch nach Süden, das Standhalten bei Göt-tingen und den Rückzug in den Harz. Verschanzungen wurden angelegt,die Unterstützung der Bayern und des 8. Bundesarmeekorps erbeten. Bayern sagte auch das Vorgehen einer Division über Kissingen zu.

Am 20. entschied man sich für den Abmarsch über Eschwege , dann aber,als dieser Weg bedroht erschien, über Heiligenstadt, um in mehreren Ko-lonnen Eisenach zu erreichen.

General v. Moltke sah diesen Versuch voraus und riet zur energischstenOffensive. Diese dachte er sich so, daß eine der beiden preußischen Divi-sionen, die gegen Hannover vorgegangen waren, mit der Eisenbahn überMagdeburg und Halle nach Eisenach überführt werden sollte, um denHannoveranern den Rückzug zu verlegen, während die andere ihnen zufolgen und Beyer von Westen her einzugreifen bestimmt war. So konntees zur Umzingelung und Vernichtung, d. h. zur Waffenstreckung kommen.

Dem General v. Falckenstein erschien diese Anordnung jedoch zu neuund ungewöhnlich. Er glaubte auch an Widerstand der Hannoveranerbei Göttingen und wollte, um ihn zu brechen, die beiden Divisionen Goebenund Manteuffel zusammenhalten, die Division Beyer in ihren Rücken ent-senden. Am 21. sollte Goeben Einbeck erreichen und Seesen besetzen, wo-hin die Brigade Korth von Manteuffels Division mit der Eisenbahn überBraunschweig befördert werden würde. Am 22. sollte Goeben nach Nörten,10 km nördlich Göttingen , Manteuffel nach Nordheim gehen. Beyer hattebereits einen Teil seiner Truppen von Kassel nach Osten vorgeschoben und inder Nacht zum 21. schon Allendorf besetzt. Inzwischen marschierten die Han-noveraner am 21. nach Heiligenstadt, am 22. nach Mühlhausen, ohne aufden Feind zu stoßen, und der Weg hätte frei vor ihnen gelegen, hätte nichtMoltke Fürsorge getroffen, ihn zu sperren. Mit zusammengerafften immo-bilen Landwehr- und Ersatztruppen aus den nächsten Festungen Magdeburg und Erfurt, dem schwachen Gothaischen Regiment und zwei in Berlin verfüg-baren Gardebataillonen ließ er schnell Gotha und Eisenach besetzen. Eine kleine