Druckschrift 
2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
Entstehung
Seite
282
Einzelbild herunterladen
 
  

282

VI. Die Kämpfe um Deutschlands Einigung

Nossen Dresden und setzte sich mit der I. Armee in Verbindung. Diesehatte inzwischen gleichfalls den Linksabmarsch unterbrochen, Löbau undBautzen besetzt, Kavallerie nach Bischofswerda geschoben und versammeltesich am 17. und 18. Juni eng um Görlitz . Gerüchtweise verlautete, daßaußer dem 1. auch das 2. österreichische Korps nach Nordböhmen vorge-zogen, mit den Sachsen dort also drei Korps verfügbar sein sollten. Moltkeschrieb am 19. Juni, daß es bei der Unklarheit über die Stellung derösterreichischen Hauptkräfte noch nicht bestimmt sei, ob zur Entscheidung inBöhmen die I. Armee an die II. heranrücken sollte oder umgekehrt.

Am Nachmittage dieses Tages entschloß sich König Wilhelm nach langeminneren Kampfe zur Kriegserklärung an Österreich ; nun konnte auch dessenGrenze überschritten werden. Das aber sollte in ganzer Stärke am rechtenElbufer geschehen. Die Elbarmee wurde dem Prinzen Friedrich Karl unterstellt, der seinen Vormarsch mit dem linken Flügel längs des Ge-birges unverzüglich beginnen würde. In Berlin schloß man aus den vor-liegenden Anzeichen, daß sich die feindliche Hauptmacht nach Böhmen zu-sammenzöge. Der Prinz sollte die Offensive ergreifen, ehe dies vollstän-dig bewirkt sein konnte. Die II. Armee wurde angewiesen, das 1. Armee-korps, das schon bis Salzbrunn und Altwasser gekommen war, überLandshut zurückzusenden, damit es nötigenfalls die I. Armee verstärkenkönne. Zwei andere Korps hatte sie in der Höhe von Frankenstein undGlatz zum Einmärsche zu staffeln und nur eines noch an der Grenzestehen zu lassen.

Hocherfreut empfing Prinz Friedrich Karl am 20. Juni früh diesenBefehl, den er dahin deutete, daß ihm der entscheidende Schlag gegen diefeindliche Hauptmacht an der Jser zufallen solle, der II. Armee die Ab-wehr der noch nachrückenden österreichischen Korps.

Starke gegnerische Kräfte vermutete er bereits bei Reichenberg undwollte, um für die bevorstehende Schlacht stark genug zu sein, erst dasHeranrücken der Elbarmee und des 1. Armeekorps abwarten. Die Elbarmeesollte über Stolpen mit der Vorhut bis Gabel heranrücken; er selbst er-reichte mit seinem Heere am 23. Grottau und Friedland, so daß seineganze Macht eng auf böhmischem Boden nahe vorwärts des südöstlichenTeiles von Sachsen versammelt stand. Eine solche Vereinigung vor derEntscheidung entsprach ganz den bis dahin herrschenden Anschauungen nachdem Grundsatze Napoleons »6e ä^bouonei- so masse".

In Berlin ließen sich gewichtige Stimmen in gleichem Sinne vernehmen.Trotz des unvermeidlichen Zeitverlustes rieten sie zum Zusammenziehen derArmeen diesseits der Gebirgspässe, weil sie es jenseits für zu gefährlich