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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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Die I. und II. Armee überschreiten die Grenze

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hielten. Aber Moltke blieb fest. Er war bei aller Ungewißheit der Lageüberzeugt, daß die österreichische Armee jedenfalls noch nicht in ganzerStärke im nördlichen Böhmen vereint sein könne. Teilen derselben aberwaren die preußischen Heere auf alle Fälle überlegen.

So erging denn am 22. Juni das denkwürdige Telegramm an beideHeeresgruppen, der kürzeste Befehl, der wohl jemals gleich große Ereignisseins Rollen brachte:

Seine Majestät befehlen, daß beide Armeen in Böhmen einrücken unddie Vereinigung in der Richtung auf Gitschin aufsuchen. Das 6. Korpsbleibt bei Neisse verfügbar."

Ein längeres Schreiben, welches die uns bekannte Lage auseinandersetzte,schloß mit der Mahnung an die I. Armee, durch rasches Vorgehen dasHeraustreten der II. Armee aus den Gebirgspässen zu erleichtern.

Erst sollte jedoch die Vereinigung mit Herwarth stattfinden, der am23. Rumburg erreichte, es aber unterließ, den Prinzen davon zu benach-richtigen. Noch war vom Feinde wenig bekannt, nur österreichische Ka-vallerie vor der Front. Aber Prinz Friedrich Karl zweifelte an derRichtigkeit von Moltkes Annahme, daß die Österreicher noch nicht mitihrer Hauptmacht im nördlichen Böhmen stehen könnten und ging am 24.mit vier Divisionen konzentrisch gegen Reichenberg vor. Als dieses freigefunden wurde, setzte er den Marsch in der gleichen Versammlung derKräfte noch bis südöstlich der Stadt fort uud machte am 25. halt, um dieElbarmee abzuwarten und die Verpflegung zu ordnen, die unter demdichten Zusammenhalten der Streitkräfte litt.

Am 2S. Juni traf die Elbarmee bei Gabel ein, ohne mehr als feind-liche Reiterpatrouillen angetroffen zu haben.

Tags darauf trieb ein neues Schreiben Moltkes zu lebhaftem Vorgehenan, um dem Feinde an der Jser zuvorzukommen.

Der II. Armee in Schlesien war die beabsichtigte Offensive schon am19. Juni abends angekündigt worden. Sie setzte das 1. Armeekorps dar-aufhin so in Marsch, daß es am 25. in Landshut eintreffen konnte. Mitdem 5. und Gardekorps marschierte der Kronprinz rechts ab; das 6.machte kurze Vorstöße auf österreichisches Gebiet, die irreführen sollten.

Am 25. Juni abends standen das 1. Korps bei Liebau, die Garde beiNeurode, das 5. Korps bei Glatz, das 6. bei Patschkau, die Kavallerie-division hinter dem rechten Flügel bei Waldenburg.

Der Plan wurde gefaßt, unter Einfügung eines Ruhetages in dieMärsche, am 28. Juni die obere Elbe zu erreichen, und zwar mit dem 1. Ar-meekorps über Trautenau bei Arnan, mit der Garde über Braunau und