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2 (1914) Im Zeitalter Kaiser Wilhelms des Siegreichen
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Ungewißheit über die Ausdehnung der französischen Front

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auf deutscher Seite niemand gedacht. Jetzt war er dennoch da; aber keinZögern trat ein, der Entscheidungskampf wurde aufgenommen. Erst späterwnrde klar, daß es sich eigentlich nur um eine unterbrochene Schlachthandle, und daß der 18. den 16. fortsetzte, ähnlich, wie es 47 Jahre zu-vor bei Leipzig am 16. und 18. Oktober 1813 geschehen war.

Die schwierige Aufgabe, die dem deutschen Heere bevorstand, wurde baldrichtig erkannt. Die zur französischen Linie emporsteigenden Böschungenboten den Angreifern keinerlei Deckung; keine schützenden Angriffswege durchMulden oder Bodensenkungen. Es galt, die kahlen übersichtlichen Hängehinanzusteigen. Und diese Hänge wurden vom Chassepotgewehrfeuer ineiner Art rein gefegt, von der nur die bei Spicheren und Wörth an denheißesten Szenen beteiligten Truppen eine Vorstellung hatten.

Die I. Armee sollte warten, bis die H. an den Feind herangekommensei. Als der heftige Kanonendonner von Verneville erschallte, schien es,als sei dieser Moment eingetreten. Das 7. und 8. Korps entwickeltenjetzt ihre Artillerie bei Gravelotte zu beiden Seiten des Dorfes gegen diefranzösischen Stellungen hinter der Manceschlucht, von denen aus dasFeuer aufgenommen wurde. Auch sie wurde bald durch feindliche, inden Waldrändern jener Schlucht steckende Schützen ernsthaft gefährdet.Auch hier mußte die preußische Infanterie vorzeitig in den Kampf eilen,und an Aufschub oder Zögern war nicht mehr zu denken. Die Franzosenhatten schnell und entschlossen überall ihre vorbereiteten Stellungen besetzt.

Auf dem äußersten rechten Flügel der Deutschen wurde Jussy amMoseltale von der 26. Brigade des 7. Korps genommen und so die Ver-bindung der Deutschen mit der Heimat gegen Metz geschützt. Die tiefeSchlucht von Rozerieulles zu überschreiten aber gelang nicht. Im Waldevon Vaux entwickelten sich die anderen Brigaden des Korps, an der Mance-schlucht links daneben bis zum Bois des Genivaux hinauf das 8. Korps.Nach heftigem Kampfe warfen sie den Feind auf seine Hauptstellungenzurück. Im Bois des Genivaux hielten sich jedoch die Franzosen nochlange und hartnäckig zwischen dem 8. und 9. preußischen Korps. Dasletztere setzte das heiße Ringen vorwärts von Verneville unter schwerenVerlusten fort, schon unterstützt durch die Artillerie des 3. und Garde-korps. Die brennenden Gehöfte am Abhang vor der französischen Liniefielen in die Gewalt der Angreifer, zuletzt, um etwa 3 Uhr, das sehr ver-teidigungsfähige St. Hubert. Dann aber sahen sich diese am Rande deskahlen, sonnenverbrannten, sanft ansteigenden Schußfeldes vor den fran-zösischen Schützengräben. Alle weiter vorstürmenden Schwärme bedecktenbald den glühenden Boden mit Toten und Verwundeten. Eine wahre