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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Franz Carl Müller
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Zellvermehrmig.

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Zellen, welche einen lebenden Organismus zusammensetzen, alleohne Ausnahme aus einer einzigen Zelle hervorgegangen sind.Welche Rolle bei diesen Vorgängen der Kern spielt, darüberherrschten die verschiedensten Meinungen: die meisten Botanikernahmen an, daß er sich vor jeder Teilung auflöst und verschwindet,um in den jungen Zellen neugebildet zu werden; nach JohannesMüller, Baer, Gegenbaur verlängert er sich, schnürt sich einund zerfällt daun in zwei Teile; die Wahrheit wurde erst durchdie jüngsten Forschungen über Kerustruktureu uud Kernmeta-morphosen erkannt, Forschungen, an denen sich Botaniker, Zoologenund Anatomen in gleicher Weise beteiligten. So setzte man andie Stelle des Satzes: omni8 eellula 6 csll^a das von Flemmingausgestellte Axiom: omnis nuelsus s nuolec». Wir kennen dieKernsegmentieruug (Mitose), die Kernzerschnürnng (Amitose)und die endogene Kernvermehrung, welche von Richard Hertwig entdeckt wurde. Näher auf diese sehr interessanten Verhältnisseeinzugehen, verbietet der Raum und auch der Zweck diesesBuches.

Wenn die Vermehrung der Zellen allein auf die Teilungaugewiesen wäre, würde die Welt bald ausgestorben sein, dennabgesehen von anderen Spaltpilzen tritt bei den höher organisiertenZellenrepubliken ein Zeitpunkt ein, wo die Teilung aufhört, wennnicht von außen ein Anstoß dazu gegeben wird. Dies geschiehtdurch die Befruchtung. Dabei vereinigen sich zwei Zellkerneverschiedener Art, ein Eikern und ein Samenkern, worauf dieTeilung beginnt, die in ihrem Verlaufe ein neues Lebewesenerzeugt. Wenn eine Zelle für sich die Fähigkeit verloren hat, denLebensprozeß fortzusetzen, erlangt sie dieselbe wieder in gesteigerteinMaße, wenn sie mit einer anderen Zelle sich zur Befruchtungverbunden hat. Man hat für diese physiologisch sehr interessanteThatsache den Namen Befruchtungsbedürftigkeit erfunden.Wir gehen nicht weiter als die Wissenschaft, wenn wir zum Schlüssedieser Betrachtungen den Satz aufstellen, daß die Anlage des neuenWesens vollständig im Kern enthalten ist.

Es erübrigt noch, die verschiedenen Theorien, die über dieEntwickelung aufgestellt wurden, mit kurzen Worten zu beleuchten.