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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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XI. Zoologie.

mit dem damals in der Blüte stehenden Cuvier in einen wissen-schaftlichen Streit über diese Frage verwickelt und, sei es, daß erseine Ansichten nicht gut verteidigen konnte, sei es, daß ihmCuvier dialektisch überlegen war, besiegt, so daß die Descendenz-theorie nnr in gewissen Kreisen Anhänger hatte, ohne daß sie inder Öffentlichkeit diskutiert wurde. Trotzdem aber wurde durchdie fortschreitende Wissenschaft der Boden für die Lehren Darwins vorbereitet und als unabhängig voneinander im Jahre 1858Darwin und Alfred Ruffel Wallace ihre Forschungsresultateden Fachkollegen übergaben, da. erhob sich die naturwissenschaftlicheWelt, nm den beiden zuzujubeln. M. Lühe spricht sich in äußerstglücklicher Weise darüber aus, was der Descendenzlehre eudlichzum Siege verholfen hat.Sie besagt an sich nichts mehrund nichts weniger, als daß die Arten veränderlich sind, daß dieheute lebenden Arten nicht als solche erschaffen, sondern auS anderenArten, welche früher gelebt haben, durch deren Umwandlung ent-standen sind und gewissermaßen die lebenden Zweigspitzen einesStammbanmes darstellen, dessen Stämme und Zweige jenen Artenentsprechen, welche in früheren Epochen die Erde bevölkert habenund die Vorfahren der heutigen Arten sind." Lamarck undGeoffroy hatten das Nichtige gesehen, aber sie bewegten sich aufdem Boden der Spekulation; was Darwin zum Siege verHalsund ihm so rasch die Anerkennung der Zeitgenossen brachte, wardie Einfachheit seiner Schlußfolgerungen und das erdrückendeMaterial.

Bei der ungeheuren Produktiousfähigkeit, welche den Lebewesenmehr oder minder zukommt, würde die Welt sehr bald übervölkertsein, wenn nicht dieser Überproduktion durch die Naturgewaltenselbst entgegengearbeitet würde. Entweder die Lebeusbedingungenfür die Nachkommenschaft sind aus äußeren Gründen nicht günstig,um sie am Leben zu erhalten, oder elementare Ereignisse tötenMillionen uud Millionen in einer Stunde oder aber sie fallenihren zahlreichen Feinden, deren jede Tiergattung wieder eine großeAnzahl hat, zum Opfer. Können auch besonders ungünstige Ver-hältnisse ganze Generationen, die kräftigen und schwachen Vertreterder gleichen Species zerstören, so erliegen den kleinen Feinden doch