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1848 bis 1871: Die Revolution von 1848 und 49,
und für ihre Siege und ihre Ausschreitungen Rache zn nehmenund gründlich heimzuzahleil.
So kam, was komme» mußte, anfs neue eine Periode derReaktion. Die Oppositionspartei aber stand ihr hinfort wenigergeschlossen nnd einig gegenüber als bisher. Groß- und Kleindeutsche,gemäßigte Gothaer und radikale Republikaner bekämpften sich aufsunversöhnlichste nnd warfen sich gegenseitig vor, die Schuld an demMißlingen zu tragen oder gar Verrat an der Einheit und mehr nochan der Freiheit geübt zn haben. So waren die nationalen und diefreiheitlichen Elemente zerspalten und zerklüftet nnd dadurch zunächstzu kläglicher Ohnmacht der wachsenden Reaktion gegenüber verurteilt.
Aber eins blieb doch unverloren — der politische Geist warerwacht, ganz Deutschland war eiu Jahr lang nur politisch gewesen.In Volksversammlungen und Volksreden, in Resolutionen undWahlen, in Flugschristen und Zeitungsartikeln, in Prosa undVersen, in Karikaturen und Witzblättern, in weitaussehenden Plänennnd Aktionen berufener Politiker oder in schlichten Worten und nahe-liegenden Handlungen einfacher Leute war dieses politische Gefühl undBewußtsein hemmungslos zur Aussprache gekommen, und die Erinne-rung daran haben sich die Mitlebenden treu bewahrt. Es war vielThörichtes und Schlechtes, es war viel Unreifes und Zügellosesdabei; auch viel Blut ist umsonst geflossen nnd viele Opfer sindunnötig gebracht worden. Aber es ist unberechtigt, dies so wieHans Blum in seinem durch und durch tendentiös gefärbten Blicheüber „die deutsche Revolution" thut, in den Vordergrund zu stellenund wie eine Hauptsache zu behandeln. Im Grunde hat die Re-volution doch das Rechte gewollt, und Blut und Opfer vergessensich nicht. 1848 ist das Volk der Deutschen ein politisch denkendesnnd fühlendes Volk geworden und ist es seitdem geblieben, das war derthatsächliche Gewinn, ihn konnte dann später Bismarck in die Rech-nung stellen und daraufhin das Große wagen und wagend gewinnen.
Reformbewegungen auf dem Gebiet der Kircheund Schule.
Übrigens haben die Deutscheu auch in diesen rein politischenTagen ihre sonstige Kulturaufgabe nicht ganz aus den Augen ver-