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1848 bis 1871: Die Begründung des deutschen Reiches.
fast Wie eine Provinz seines Reiches behandelnden Kaiser Nikolaus;nnd zugleich hielt man auch dieses Verhalten wieder für denAusfluß der romantischen Neigungen Friedrich Wilhelms IV. ,der lieber eiueu Kreuzzug gegen die Türkei als eine Unter-stützung derselben in Scene gesetzt hätte. Daß es auch echteund gesuude, realpolitische und wahrhaft preußische Juteressen gab,die für diese Abstinenzpolitik sprachen, erkannte damals ganz klarnnr einer, der preußische Bundestagsgesandte Otto von Bismarck,der deshalb auch energisch auf ihre Durchführung drang.
Da kam 1858 der große Umschwung. Der König erkrankteunheilbar au einem Gehirnleiden, oder vielmehr — dasselbe tratjetzt in die Erscheinung und ließ sich nicht mehr länger verheim-lichen, nachdem es ohne Zweifel schon bald nach 1848 eingesetzthatte — „die tiefen Eindrücke der Unglückszeit waren nnvertilgbar"—;in seinen allerersten Anfängen reicht es vielleicht sogar noch weiterzurück, so daß wir heute über diesen Romantiker auf dem Throneals über einen von Anfang an nicht ganz normalen, seit 1848unheilbar erkrankten Mann milder urteilen müssen. Jedenfallserfüllt uns persönlich der fast tragische Ausgang des mit so hohenErwartungen begrüßten und so reich veranlagten Regenten, dendas Schicksal vhne sein Zuthnn aus einen Posten gestellt und ineine Zeit versetzt hatte, denen er vermöge der Eigenart seines Wesensschlechterdings nicht gewachsen war, mit voller menschlicher Teil-nahme. Die Kamarilla, die sich feit 1848 nm den König her ge-bildet hatte und nnter Leopold von Gerlachs Führung feine letztenJahre zu einer rechten Parteiregiernng machte, hatte die Krankheitmöglichst lange zn verhüllen und dadurch die Regentschaft des ihrverdächtigen uud verhaßten Prinzen Wilhelm zu hintertreiben ge-sucht. Aber im Herbst 1858 stellte sie sich als unvermeidlich heraus.Der Prinzregent übernahm nach einer für ihu uud für das Landwenig erquicklichen Übergangszeit die Regiernng.
Auch Prinz Wilhelm hatte in den schwierigen Jahren der Re-gierung seines Bruders, der Stürme der Revolution und der auchauf ihm lastenden Reaktion mancherlei Wandlungen, Umkippungenund Anpassungen durchlebt; aber immer war er, was fein Brnder niegewesen, — eiu ganzer Manu, und eines erfüllte ihn ganz und