Friedrich Nietzsche.
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stößt er aber auf die Schranken der Überlieferung und derMoral, zunächst in der Geschichte; darum handelt eine seiner erstenSchriften vom Nachteil der Historie für das Leben. Wir Menschendes neunzehnten Jahrhunderts leiden au eiuem Übermaß und auÜbersättigung von Geschichte; Geschichte aber macht objektiv d. h.subjektlos und schwächt die Persönlichkeit; sie stört durch ihreSecierübungcn die Instinkte des Volkes und verhindert den Einzelnenwie das Ganze am Reifwerden, macht harmonische Persönlichkeitenunmöglich; sie pflanzt und pflegt den Glauben, Spätling, Epigonezu sein, ist somit eine greisenhafte Beschäftigung, eine Art vonangeborener Grauhanrigkeitt, in der noch etwas vom mittelalterlichenmömönto inori steckt, während sich das viel notwendigere rnementovivers erst schüchtern hervorwagt. Auch findet sich in ihr allzuvielvon jener Hegelschen Bewunderung für die Vernünftigkeit undMacht des Wirklichen: wer gelernt hat, vor diesem als dem Erfolg-reichen den Rücken zu krümmen und den Kopf zu beugen, deruickt zuletzt chinesenhnft-mechanisch sein Ja zu jeder Macht; unddoch ist der Erfolg, das Faktum immer dumm, der Geschichte mitihrem „Es war einmal" tritt daher die Moral gegenüber und ruft:„aber eS sollte nicht so sein", denn die Moral ist die Auflehnunggegen die Geschichte als die blinde Macht der Fakta. Das Ge-fährlichste aber ist, die Geschichte vom Standpunkt der Massen auszu schreiben; in Wahrheit verdienen diese Beachtung nur „als ver-schwimmende Kopien der großen Männer auf schlechtem Papier undmit abgenutzten Platten hergestellt, als Widerstand gegen dieGroßen und als Werkzeuge der Großen; im übrigen hole sie derTeufel und die Statistik"! Dem tritt sein Gedanke gegenüber, daß„das Ziel der Menschheit nicht am Ende liegen könne, sondern nurin ihren höchsten Exemplaren": das ist hinfort das Prinzip seinerGeschichts- und Kulturbctrachtung.
Und von demselben Geist ist seine Streitschrist gegenD.Fr.Strauß erfüllt. Der Verfasser des alten und des neuen Glaubensist ihm der Typus des „Bilduugsphilisters"; dieser aber ist „dasHindernis aller Kräftigen und' Schaffenden, daS Labyrinth allerZweifelnden und Verirrten, der Morast aller Ermatteten, die Fuß-fessel aller nach hohen Zielen Laufenden, der giftige Nebel aller