Friedrich Nietzsche.
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keit, und sie leiden an Über- und Massenproduktion. Schuld daranaber ist der Staat. Dieser war dem Griechen der derbe, muskulöse,zum Kampf gerüstete Kamerad und Weggenosse, der dem edlerenund gleichsam überirdischen Freund — der Kultur — das Geleitegab durch rauhe Wirklichkeiten; uns dagegen vt der Staat „Kultur-staat", mit den Staatstendenzen aber steht die wahre Kultur nndder Geist der Bildung, der Geist, der aus dem innersten Kern derdeutschen Reformation, der deutschen Musik und der deutschenPhilosophie so wunderbar zu uns redet, in offenem Widerspruch.Der Staat steht aber ebenso auch hinter den Universitäten mitihrer viel gerühmten Lchrfreiheit in bescheidener Entferuuug mitseiner Aufsehermiene; und daher geben auch sie keine Bildung.Wenn man diese an drei Gradmessern mißt, dem Bedürfnis nachPhilosophie, dem Instinkt für Kunst nnd dem Verhältnis zumgriechischen nnd römischen Altertum als dem leibhaftigen kategorischenImperativ aller Kultur, wie steht es dann nm die Bildung unsererStudenten? Auf den Hochschulen ist an die Stelle der Philo-sophie historische Bildung getreten, zur Kunst verhalten sie sichgar nicht, und um klassische Bildung kümmern sich nnr die Philo-logen; darnm bleibt der Student ungeeignet und unvorbereitet sürPhilosophie, instinktlos für wahre Kunst und ein als frei sichdünkender Barbar den Griechen gegenüber. Zu all dem fehlt esihm an Führern; denn sachlich fängt wahre Bildung mit dem Gegen-teil alles dessen an, was man jetzt als akademische Freiheit Preist,mit dem Gehorsam, der Unterordnung, der Zucht, der Dienstbarkeit.
Einen solchen Führer stellt Nietzsche der Zeit in seiner Schrift„Schopenhauer als Erzieher" vor Augen. Was ihn an Schopen-hauer anzog, das war nicht sowohl der Inhalt seiner Philosophie,als vielmehr der Meusch selber, so wie ihn Kuno Fischer unsspäter so meisterlich geschildert hat — der Philosoph als Künstlermit genialer GcisteSart und ästhetischem Widerwillen gegen dieKultur der Gegenwart. An ihm geht ihm das Ziel aller Kulturauf, und dieses heißt: „Die Menschheit soll fortwährend daranarbeiten, einzelne große Menschen zu erzeugen, und dies und nichtsanderes ist ihre Aufgabe." Daraus dann die Frage an den Ein-zelnen: „wie erhält dein Leben den höchsten Wert, die tiefste Be-