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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871:5in äs sisels«

gut zu machen und nachzuholen, so war doch der großwortigeChauvinismus erschreckend, der sich hierbei offenbarte nnd kläglichdie Verständnislosigkeit dieser Patrioten für das, was das Altertumin seiner stillen Größe zur Weckuug wahrer Vaterlandsliebe nndwas die Eingliederung des Knaben in das Ganze eines Schnl-organismus wie zur Bildung des Charakters überhaupt so speciellauch zur staatsbürgerlichen uud socialen Erziehung beitrügt.

Dazu kam fürs zweite der Realismus in der Kunst, wie wirihn alsbald kennen lernen werden. Banausen und Philister hates natürlich zu alleu Zeiten gegeben und sie sind niemals Freundedes klassischen Altertums und des klassischen Unterrichts gewesen;denn sie vermögen den Nutzen desselben nicht einzusehen und derideale Hauch der Freiheit und der Schönheit, der das Griechentumdurchzieht, ist ihnen unbequem und stört sie in ihrem satten Be-hagen. Jetzt aber kam ihnen ein wirklich nnd prinzipiell Neuestdie moderne Kunstrichtung zu Hilfe, die dem idealistischen Schön-macheu einer altgewordenen Poesie und Kunst gegenüber ausNatürlichkeit und Wahrheit dringt und das Charakteristische undBedeutende höher stellt als das Typische und Schöne. Sie schließteben damit die Abwendung vom klassischen Kunstideal ein, und sotonnten sich mit Recht und Unrecht alle auf sie berufen, welche fürdieses Ideal kein Verständnis und zu ihm kein Verhältnis mehrhatten.

Und endlich hat teilweise als Nachklang der materialistischenÄra der fünfziger Jahre und des philosophischen Tiefstands inDeutschland die berechtigte Bewunderung für die gewaltigenErrungenschaften der Naturwissenschaften, der Medizin nnd derTechnik die Beschäftigung mit den Geisteswissenschaften überhauptund speciell mit der Altertumswissenschaft als ein dem modernenund praktischem Leben ganz besonders abgekehrtes Thun in devSchätzung der Zeit zurücktreten lasseu, was sich bei manchen znvölliger Mißachtung steigert. Dabei war vielfach die Philologie mitihrem sich Verlieren in Kleinigkeiten und ihrer Vorliebe für Ent-legenes und sachlich Wertloses selbst nicht ohne Schuld. Aucheinzelne hervorragende Philologen haben durch absprechendes Wesennnd hochmütiges Herabseheu auf andere vielfach den Unmnt gegen