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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: ,?in äe sidets«

so trugeil die Beschlüsse der Versammlung eiuen prinziploseuKompromiß-- und MajoritätScharaktcr an sich, und die Hauptsachewurde der preußischen Schulverwaltung überlassen. Mit ihrenEntschließungen, wie sie 1392 in neuen Lehrplänen zu Tage traten,war dann freilich fast niemand zufrieden. Denen, die eine radikaleÄnderung begehrt hatten, waren die doch recht erheblichen Kon-zessionen viel zu wenig weitgehend, und die Führer der konservativenHumanisten riefen wie nach der Schlacht bei Cannü: maZua puZnuvioti suraug! und so seheil beide Teile in der Neuordnung nur einProvisorium, eine Abschlagszahlung die einen, der bald mehr folgenmüsse, eineil Schritt vom Wege die andern, der so rasch alsmöglich wieder zurückzunehmen sei. Einverstanden waren doch nurwenige. So glaubt niemand an den Bestand einer Schulreform,die uur das eine wieder einmal ganz klar gemacht hat, daß dieBureaukratie von sich aus zu schöpferischen Gedanken und Thatenauf pädagogischem Gebiet am wenigsteil die Kraft hat. Ans Ver-handlungen, wie denen auf der Natnrsorscherversammlung desJahres 1898 geht hervor, daß die Sache einstweilen nur vertagtund ein neuer Sturm im Anzug ist. Aber für das großePublikum haben nach jenem Anlauf ohne definitiven Abschluß inunserer rasch lebenden Zeit die Schulfrageu doch ihr Interesse ver-loren, und selbst die große Reklame, die für die sogenanntenReformgymnasien gemacht wird, läßt weitere Kreise gänzlich kalt;sonst würde man doch die Komik der Sache nicht so ganz über-sehen, daß man im Namen einer nationalen Erziehung einenReformfeldzug unternimmt, den Weg über Cannä und Thermopylüfür einen Umweg erklärt und nun Schulen auf den Schild hebt,die statt des Lateinischen das Französische zum Ausgangspunktund zur Grundlage dieses ueudeutscheu Unterrichtssystems machen.

Daß es sich überhaupt um die Bildungsfragc des deutschenVolkes im ganzen handelt, dessen war man sich während derganzen Bewegung kaum bewußt geworden, und auch heute sind sichunsere Spielmeister aus Görlitz dessen nicht bewnßt. Und doch hattedas Nietzsche in seinen Basler Vortrügen über die Zuknnft unsererBildungsanstalten fchon längst betont, ohne daß freilich auch erall die Stelle des Kritisierten nnd Verworfenen ein besseres Neues