Die Wissenschaft.
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minismus, der überall die kausalen Zusammenhänge aufsucht undsie allein gelten läßt; nicht die Ideen bestimmen die Menschen,sondern der Mensch schafft die Ideen. Da es aber im SinneFeuerbachs der sinnliche Mensch ist, der sie schafft, so sind es auchausschließlich wirtschaftliche Tendenzen, die ihn in Bewegung setzenuud leiten; uud zwar ist es genauer die Gesamtheit der Produktious-verhältuisse und der jeweilige Stand der Technik, der die ökono-mische Struktur der Gesellschaft, die bestimmte Eigeutumsordnunghervorbringt und dann des weiteren den juristischen nnd politischenÜberban und den ganzen geistigen Lebensprozeß bedingt. DieIdeen, die geistigen und ideologischen Formen sollen nichts anderessein als die Art und Weise, wie sich die Menschen der Veränder-ungen der ökonomischen Grundlage bewußt werden, sich dieselbenzurechtlegen und den Kampf um eine solche auskämpfen. In ihrerAbhängigkeit von den wirtschaftlichen Veränderungen besteht alsoder „Materialismus" dieser Geschichtsauffassung. Es ist klar, wiewenig dabei auf das Individuum ankommt und wie wertvollhierbei die statistische Masseubeobachtnng wird.
Damit hängt dann weiter auch die Frage: Kulturgeschichte oderPolitische Geschichte? zusammen, da bei jener das generische undkollektivistische, bei dieser das persönliche nnd individualistischeMoment vorherrscht. Eben darin zeigt sich aber auch die Ein-seitigkeit beider Standpunkte besonders deutlich. Und so hat neuer-dings K. Lamprecht versucht, einen vermittelnden Standpunkt zugewinnen, er nennt ihn den „universalistischen" und beschreibt ihnso: von jenen beiden Extremen ist dieser Standpunkt „gleicherweiseentfernt: er erkennt das Walten sowohl individualer als gcnerischerKräfte in der Geschichte an, nur mit dem Zusatz, daß die größtengenerischen Zusammenhänge erfahrungsgemäß die Gewalt auch derstärksten iudividualeu Kräfte überragen nnd diese darum in sichschließen: so daß der Gesamtverlauf der Geschichte nicht nach demWirken, und sei es auch noch so großer individualer Kräfte, sondernvielmehr uach dem stillen Verlauf der generischen Wandlungen,d. h. nach Kulturzeitaltern zu periodisieren ist. Ein solcher Stand-punkt kann selbstverständlich weder als rein individual noch alsrein kollektivistisch charakterisiert werden, vielmehr ist für ihn die