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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: ,5in äs sik-ole«.

richtige Bezeichnung universalistisch, insofern er den individualistischenund den kollektivistische!! Standpunkt in sich vereinigt und die Ge-schichte zugleich von der Anschannng her aufbaut, daß alles Ge-gcschchcne in einer bestimmten Zeit eins sei, also ein simultanesUniversum darstelle und demzufolge auch im Einzelnen nur auseiner gleichmäßigen, universalen Betrachtung des Ganzen begriffenwerden könne".

So einleuchtend eine solche die beiden Gesichtspunkte ver-bindende Anschauung ist, so bleibt natürlich doch die Frage offen,ob Lamprecht nicht dem einen zu viel und dem anderen, indivi-dualistischen zn wenig gebe und wie es ihm selber in seinerDeutschenGeschichte" mit der Ausführung gelungen sei; und auch das Prin-zipielle bleibt im Streit, ob der Kollektivismus uicht dadurch schonden Individualismus ausschließe, daß er durch seine Leugnuug dermenschlichen Freiheit die Macht der Einzelpersönlichkeit noch weiter-hin in Frage stelle. Deshalb kann man die Leidenschaftlichkeit, mitder die Historiker diesen Streit führen, wohl begreiflich finden, zu-mal da sie sich auf dem ihuen fremden Gebiet der philosophischenBetrachtung unsicher bewegen und sich daher hin nnd her vielfachmißverstehen. Charakteristisch ist er aber deshalb, weil sich iu ihmnur der allgemeine Gegensatz der Zeit zwischen Socialismus undIndividualismus widerspiegelt.

Auffallend frei davon hat sich dagegen die Philosophie ge-halten. In der Ethik greift er natürlich auch ein. Diese hat etwaseit Beginu der achtziger Jahre einen energischen Anfschwnng ge-nommen; unter englischem Einfluß entwickelte sich eine sociale Ethik,die dem Egoismus den Altruismus als das Höhere und Sittlicheregegenüber stellt uud die Wohlfahrt aller oder möglichst vielerzum Prinzip erhebt; sie war Militaristisch, man gab ihr anchwohl den Namen des Social-EndämoniSmns. Konnte sich dieseRichtung auf Schleiermachers Güterlehre und in gewissem Sinnauch auf Hegel berufeu uud hatte sie den socialistischen Zug derZeit für sich, so schlössen sich andere an Kant und Fichte an, vondenen jedenfalls der erstere trotz der allgemein gültigen Form desSittengesetzes mit seiner Betonung des guten Willeus eine Jndivi-dualethik aufgestellt hatte. Das entsprach zunächst der nen er-