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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Die Wissenschaft.

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wachten Wertschätzung Kants und dein großen Eindruck, dessen dieMoralpredigt des kategorischen Imperativs immer sicher ist; aberdaß es für die Weiterentwickelung der wissenschaftliche!! Ethik keinGewinn wäre, wenn diese aus Respekt vor Kaut die englischenMoralisten unterschätzte und ungenützt ließe, steht für mich fest.Noch gauz auders individualistisch als diese Kantianer sind natürlichdie um Nietzsche , dessen ethische Gedanken aber einstweilen auf dieWissenschaft der Moral noch wenig Eindruck gemacht haben. Daaber durch Nietzsche der Individualismus einen so energischen Vor-stoß gemacht hat, so werden auch iu der wissenschaftlichen Ethikdie Jndividualisteu wieder au die Reihe kommen und versuchenmüsseu, ihren Standpnnkt unabhängig und abweichend von Kantzu begründen. Indem Nietzsche sich auch historisch um die Her-leituug des Sittlichen bemüht, trifft er dabei mit Jhering undWundt zusammen, die dies unbeeinflußt von ihm ebenfalls gethanhaben uud die eigentlichen Vertreter einer evolntiouistischen Ethiksind; namentlich JheringsZweck im Recht" hat auch dem Moralistenreichste Anregung und Belehrung zu teil werden lassen. WundtsEthik könnte man dagegen in Parallele zu Lamprechts historischemUniversalismus stellen, da er neben dem Jndividualwillen einenGesamtwillen statuiert und diesen: genau soviel Realität undWirklichkeit zuschreibt wie jenem uud beide in Wechselwirkung zueinander treten läßt. Aber die Gegensätze sind hier viel wenigerschroff; jede Ethik ist individuell und generisch zugleich, es handeltsich nur um ein Abschätzen der beiderseitigen Ansprüche, nicht umAlleinherrschaft. Und so sind auch die Formen, in denen sich derStreit bewegt, weit urbaner als bei den Historikern.

Und noch viel weniger akut tritt derselbe Gegensatz auf demGebiet der Psychologie zu Tage. Auch hier giebt es ueben derLehre von der individuellen Seele eine Völkerpsychologie, dieselbe hatsogar schon längst eine eigene Zeitschrift; neben Lazarus uud Stein-thal ist hier ganz besonders Waitz zu nennen. Und langsam be-ginnt auch der Gedauke au eine Gescllschafts- und Kollektiv-psychologie aufzudämmern, die Einsicht, daß die hier geltende»Gesetze nicht ohne weiteres mit den für das Seelenleben des Ein-zelnen gefundenen zusammenfallen uud uoch weniger als atomistisch