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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Nach 1871: üs 8i5e1e».

geistes". Dabei müssen wir freilich weiter ausholen und vielfachzurückgreifen, au Nietzsche läßt sich anknüpfen. Dieser war vonSchopenhauer ausgegangen, aber direkter, persönlicher noch vonRichard Wagner . So wie Nietzsche heute umstritten ist, so wares vor zwanzig und dreißig Jahren Wagner . Dabei kann es sichnatürlich hier nicht um das specifisch Musikalische, um seiue Leistnngeuund Neuerungen für die Knnst im Einzelnen handeln, sondern nurum die Tendenzen, die darin stecken und um ihreu Beitrag zumallgemeinen Gang des deutschen Geisteslebens.

Epoche macht hier gleich zn Anfang des Jahrhunderts Beethoven .Er ist es, der die Musik mit gewaltiger Hand herausführt aus derIsolierung, in der sie den einzigen Bach ausgenommen bisdahin vom übrigen Geistesleben der Zeit losgelöst dagestanden.Er selbst sucht Fühlung mit demselben und im Streben, in seinenSinfonien einen einheitlichen Gedanken zum Ausdruck zu bringen,gewinnt er den Anschluß an die Gedankenwelt seiner großen Zeit-genossen, an Goethe vor allem und an Schiller . Für seinen Übergangvon der Instrumentalmusik zur Menschenstimme in der neuntenSinfonie wählt er SchillersSeid umschlungen Millionen", undin der Musik znmEgmont" kommt sein Freiheitsgefühl zum herr-lichste» Ausdruck. Seiue Kunst atmet Erhabenheit, daher imponierteihm die Riesengestalt Napoleons I. und so schrieb er seine Eroicaans Bonaparte". Aber bei dem weiten Gewissen jedes musikalischenMotivs war es möglich und dem Sinne Beethovens auch durchausentsprechend, daß Hans von Bülow im Jahre 1892 sie umtaufte:die Quintessenz der Beethovenschen Gedauken ist der Held gewesen;deshalb widme ich die Eroica dem deutschen Helden, dem FürstenBismarck". Nehmen wir dazu endlich uoch die Entwickelung desOrchesters durch ihn, in dem nun jedes Instrument seinen individuellenBeitrag zu leisten hat und das Ganze die Totalität solcher Jndividual-leistnngen darstellt, und sein Bemühen, Wort und musikalischenAusdruck zur Einheit zu verschmelzen, so sehen wir in ihm aller-dings kühn und groß den Schöpfer eines Neuen, an ihn knüpftRichard Waguer an. Nicht nur in dem Großen und Erhabenen seinesSchaffens, auch in dem tragischen Geschick der Vereinsamung uud dessich eiusam Fühlens liegt die Ähnlichkeit Beethovens mit Michelangelo .