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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Die Musik,

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Gerade jene Beziehung der Mnsik zum Gesamtleben der Nationmußte aber dieser erst in leichterer und verständlicherer Weise zumBewußtsein gebracht werden, und das geschah durch Karl Mariavon Weber . Als am 18. Juni 1821 derFreischütz" zum ersten-mal in Berlin aufgeführt wurde, da entzückte er diedeutschenStudenten, die Männer, die für Vaterland und Herd gelitten undgekämpft hatten, und die nun gegen Fremdländisches mit Waffendes Geistes auf der Wacht standen, alle jene begeisterten Seelen,die in vaterländischem Rnhm und Größe glücklich waren;" erwar ganz deutsch und im besten Sinn des Wortes auch romantisch.Doch war Weber, wenn er auch als fahrender Spiclmaun, wie diesenBrentano und Eichendorfs schilderten, seine Lieder sang, zugleichZu Schillerisch und zu dramatisch, um sich vou der romantischenSchule ausschließlich beeinflussen nnd durch sie beengen zu lassennnd alles mit ihr in Stimmung zn verflüchtigen. Was romantischan ihm war, ist im wesentlichen dreierlei: daß er wie die Freiheits-kämpfer deutsch und religiös fühlte, daß er sich mit der Natur zusammenund in sie hineinfühlte und ihr, der Stummen, eine Sprache lieh,und endlich, daß er im Sinne Herders Zeiten, Völker, Gegenden,Stände musikalisch zu charakterisieren und so die Stimmen derVölker im Lied wiederzugeben verstand. Darum nennt ihn PhilippSpitta , der diese Momente hervorhebt, einen modernen Menschenund meint, daßJugend" das Wort sei, welches Weber und seinWesen am erschöpfendsten bezeichne.

Besonders bedeutsam aber ist Weber für diesen Zusammenhangder Musik mit dem Leben der deutschen Nation durch seineu Einflußauf die Männergesangvereine geworden, welche recht ausschließlichunserem Jahrhundert angehören. Zwar ist die Zeltersche Lieder-tafel in Berlin 1808 unabhängig von ihm entstanden als einProtest gegen die verwelschte Hofmusik, mit dem ausgesprochene!:Zweck zusingen dem Könige, dem Vaterlaude, dem allgemeinenWohle, dem teutschen Siuu, der teutschen Treue". Aber 1814hat Weber für sie sechs Lieder aus KörnersLeyer und Schwert"kompouiert, und diese genialen, in der Glnt der Begeisterung gleichsamhingeblitzten Schöpfungen trugen eineu Braud hinaus in allesdeutsche Land, der am norddeutschen Herd entzündet war". Und