Print 
Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
Place and Date of Creation
Page
630
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 
  

630

Nach 1871: cls siöele-

ebenso kvmmt von der Schweiz herüber, wo Nägeli sein Begründerwar, der Münnergesang nach Schwaben, hier ist der StuttgarterLiederkranz direkt aus der Begeisterung sür die Körner-WeberschenVaterlaudslieder heraus gegründet worden; und als Komponistenhaben der Schwabe Silcher und der Badener Kreutzer mit ihrensangbaren Liederkompositionen dem Männer- und Studentengesangein erfreuliches Material geliefert. Überall entstanden Sängervereineund an vielen Orten wurden erst lokale, dann große Massensängerfestegefeiert, die die vaterländische Gesinnung weckten uud hoben nnd denpatriotischen Anfschwuug verbreiten halsen. Es waren nicht reinmusikalische Faktorei?, über deren Wert konnte man sogar streiten,sondern außerkünstlerische Tendenzen, die auch auf den Schwingen desGesangs zu ihrem Rechte kommen wollten, neben dem geselligen,die deutschen Stämme verbindenden Bedürfnis fand hier das ganzenationale Empfinden unseres Volkes seinen elementarsten undpopulärsten Ausdruck, hier drang das alles am tiessten hinab auchzu den unteren Schichten und am tiessten hinein anch in politischsonst nicht leicht bewegbare Herzen. Und so ist es denn keinZufall, daß im Jahre 1862, als Deutschland eben von neuenHoffnungen uud Wünschen erfüllt war, der allgemeine deutscheSängerbund gegründet wurde.

Haben wir es hier mit einer specifisch volkstümlichen Ent-wickeluug und Pflege der Musik zu thun, so war es Mendelssohn-Bartholdy, der in Leipzig und Berlin die Musik als reine undhohe Kunst durch Aufführung eigener nnd Zurückgreifen auf fremdeWerke in den Kreisen der Gebildeten zur Anerkennung brachte,Schubert und Schumann waren die fruchtbaren Tonsetzer, die demKlavier und dem Gesang in unerschöpflicher Fülle ihre herrlichstenGaben spendeten. Hier wie dort war ein reiches Feld geöffnet fürden Dilettantismus, der auf keinem Gebiet notwendiger, auf keinemfreilich auch gefährlicher und lästiger ist als auf dem der Musik.Jedenfalls aber wurde die Musik nicht nur als Pflegstätte nationalerGesinnung, sondern auch rein als Kunst für sich eine Macht im'deutscheu Volksleben, die bewies, daß dieses uuser Volk von Grundaus musikalisch begabt ist uud musikalisch empfindet. Unsere Ge-selligkeit ist vielfach durch sie bestimmt und gefärbt, das einzig tief-